10.12.2022: Hinter dem Wort Krieg

Ausschnitt einer nicht veröffentlichten Erzählung
von Sebar Alpeso (Irak/Deutschland)
In: FUgE-News Ausgabe 02/2022

16_der-berg_ibrahim-alpesoWir verlieren die Hoffnung nicht und trotz aller Schwierigkeiten versuchen wir, das Beste aus unserem Leben zu machen. Wir lernen eine neue Sprache, neue Kultur, neue Menschen und ein neues Land kennen. Am Anfang denke ich, dass keiner sich für meine Ereignisse im Krieg interessieren wird. Ich gehe davon aus, dass wenn ich erzähle, nichts sich ändern wird. Mit der Zeit lernte ich aber Menschen kennen, die meinen jungen Lebensweg hören wollen und große Empathie zeigen. Sie wollen viel mehr über das Geschehen erfahren. Ich entscheide mich hiermit, den Menschen meine Geschichte zu erzählen, wie ich und viele andere Menschen sich während des Krieges und nach dem Krieg ändern und fühlen.

Zum Beginn
Am 3. August 2014 fliehen hunderttausende Menschen von ihrem Zuhause. Der islamische Staat greift die Stadt Schingal an. Sie liegt im Nordirak, wo 400.000 Jesiden wohnen. Der IS tötet die älteren Frauen und Männer und verschleppt jüngere Frauen. Die jüngeren Jungen werden als IS-Kämpfer ausgebildet. An diesem Tag fliehen meine Familie und ich mit anderen Tausenden Menschen aus dem Dorf in das Gebirge. Wir bleiben sieben Tage da und am 8. Tag entscheiden sich meine Eltern, das Gebirge zu verlassen. Wir gehen zu Fuß durch Syrien nach Kurdistan. Wir verbringen 18 Tage auf den Straßen, in alten Läden und in unfertigen Gebäuden in Kurdistan. Dann machen wir unsere Reise weiter. Nach diesen 18 Tagen fliehen wir durch die Gebirge in die Türkei. In der Stadt Batman verbringen wir vier Monate in einem Gebäude mit vielen anderen Familien. In diesem 4. Monat trennt sich die Familie. Fünf von meinen Geschwistern kommen nach Deutschland und meine Eltern, zwei Geschwister und ich gehen in ein Flüchtlingslager, wo wir ein Jahr wohnen. Im Lager gehe ich in die Schule, lerne die Sprache und mein Bruder arbeitet freiwillig als Lehrer in der Grundschule.

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Am 2. November 2015 entscheiden wir uns nach Deutschland zu gehen. Wir fahren nach Izmir und von dort mit dem Boot über das Meer nach Griechenland. Wir begegnen einem Schmuggler, der zwei Jungen sucht. Eine Waffe und einen Stock trägt er mit. Nachdem wir einsteigen, schießt er in die Luft, damit wir nicht zurückfahren. Inmitten des Weges geht das Boot kaputt. Am Abend kommen wir mit der Hilfe der Küstenwache in Griechenland an. Am 17. November 2015 kommen wir in Deutschland an.
Genau gesagt komme ich aus einem Dorf namens Dohola, das auch zu der Stadt Schingal gehörte. Mit sieben Geschwistern und meinen Eltern lebte ich in einem sehr schönen Haus. Vor dem Krieg war ich das Mädchen, das jeden Morgen, bevor es zur Schule ging, eine Schüssel Joghurt für meine Tante brachte. Ich hatte meine Freunde und meine Cousinen, mit denen ich spielte. Ich liebte am Abend mit meiner Familie Fernseher zu schauen. Ich liebte meine Schule, meinen Granatapfelbaum und den Feigenbaum in unserem Garten. Ich liebte den Geruch der Erde so sehr, nach dem es regnete. Ich tanzte mit meiner Schwes – ter im Regen und wir sangen zusammen. Während wir uns die Hände hielten, regnete, die Vögel fraßen den Weizen. Ich brachte meiner Oma sehr gerne ihr Lieblingsessen, das meine Mutter kochte.
Ich frage mich manchmal, ob ich eines Tages das alles nicht mehr vermisse. Ob ich eines Tages die Bescheidenheit oder den Geruch der Heimat nicht vermisse. Ich frage mich, ob ich mich erst vergesse oder die Heimat. In der eigenen Heimat, mit der Vernichtung konfrontiert zu werden, ist ein bitteres Gefühl. Das war nicht die Schuld der Heimat, sondern des Landes. Die Schuld der Regierung des Landes, die hinter ihren Verantwortungen nicht stand. Ich hasse Irak als Land, aber als Heimat liebe ich es.
Ich war zwischen dem blauen Himmel und dem Meer. Die Sonne ist mein Zeuge.

Danach wusste ich
Ich wusste nicht, dass das Mädchen, das in meiner Klasse, ein Teil von mir war.
Ich wusste nicht, dass das Kind, das dem Schmetterling hinterherlief, ein Teil von mir war.
Ich wusste nicht, dass der Junge, der an mir vorbei ging und mir ein Lächeln schenkte, ein Teil von mir war.
Ich wusste nicht, dass der Opa, der am Ende der Straße auf einem Stuhl saß, seine Zigarette zwischen den Lippen und die Augen zu hatte, ein Teil von mir war.
Ich wusste nicht, dass die Oma, die vor der Straßentür saß und mit ihren Freundinnen Geschichten anvertrauten, ein Teil von mir war.
Ich war mit allen assoziiert und erst nachdem ich alle verloren habe, nehme ich es wahr.

Aufsatz von Sebar Alpeso.
Zeichnungen von Ibrahim Alpeso.
In: FUgE-News Ausgabe 02/2022