Im Rahmen des Projektes „Interkulturelle Hammer Interviews“ hat FUgE e.V. in Zusammenarbeit mit radio continental drift Gespräche mit Migrantinnen und geflüchtete Frauen geführt, die wir hier dokumentieren. Das Projekt wurde durch das KOMM-AN-Programm zwischen 2021 und 2024 über das Kommunale Integrationszentrum der Stadt Hamm finanziert.
Die „Interkulturelle Hammer Interviews“ als „HÖRBAR – Lebensgeschichten von Frauen* zwischen den Kulturen“ wird vom Juli 2025 und Januar 2026 von den Interkulturfonds der Stadt Hamm gefördert. 
Kurzinfo zur Interviewreihe:
Durch dieses Projekt finden Workshops mit Protagonistinnen und eine Reihe von Radiosendungen statt, die gesellschaftliche Teilhabe und Präsenz von Migrantinnen in Gesellschaft und Medien vorantreiben.
Es geht hier darum, den sog. „Migrationshintergrund“ buchstäblich zu Wort kommen zu lassen, und zwar vor allem durch die Erfahrungen von Migrantinnen, die sich im Laufe ihrer Lebensgeschichte als Zugewanderte und Schutzsuchende in der deutschen Gesellschaft wiedergefunden haben.
Was sind ihre Erfahrungen in der deutschen Gesellschaft vor Ort in Hamm? Fühlen sie sich wohl, akzeptiert, respektiert? Wie erleben sie den Zugang zu sozialen Unterstützungen, zum Arbeitsmarkt, zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe? Über welche Fortschritte oder Rückschläge in dieser Beziehung können sie uns berichten? Vermissen sie etwas?
Die Protagonistinnen (zum Teil anonymisiert) der Interviews sprechen u.a. über ihre Flucht- und Einwanderungsgeschichte, über die Unterschiede zwischen der alten und der neuen Heimat – in diesem Fall Hamm. Durch die Erzählungen der Frauen können Zuhörer*innen zusammen mit ihnen diese Unterschiede betrachten und Gemeinsamkeiten unter den Kulturen und sozialen Beziehungen entdecken. Hier begegnen den Zuhörer*innen die Erfahrung mit dem Krieg aber auch den globalen Zusammenhängen von Vertreibung, Ungleichheiten, Armut und Ausgrenzungen – nicht zuletzt auch in den Geschlechterverhältnissen hier wie dort.
Durch diese Interview-Reihe möchten die erzählenden Frauen Mitbürger*innen neugierig machen und ermuntern, die Vielfalt der Lebenserfahrungen, der Kulturen und generell des Wissens in der Gesellschaft hier vor Ort und im Austausch mit den neu Hinzugekommenen selbst zu erkunden.
Ohne Zweifel werden wir so soziale Ungleichheit und Barrieren der Teilhabe in unserer Gesellschaft begegnen und von mehreren Perspektiven aus, nämlich mit den Erzählenden betrachten. Hier entsteht auch die Chance, Ungleichheiten gezielt abzubauen, denn mit Erstaunen können wir in jeder der Erfahrungsberichte die Erkenntnis der Erzählenden selbst miterleben: wir sind wohl alle in mehr als einer Kultur zu Hause.
Die Workshops, Interviews, Organisation und Korrespondenz leitet Dr. Claudia Wegener von der Initiative radio continental drift. Die Gesamtbegleitung des Projektes lag bei Marcos A. da Costa Melo (FUgE e.V.), Fachpromotor für Eine Welt Engagement in der Migrationsgesellschaft, von 2019 bis 2024 Promotor für interkulturelle Öffnung im Regierungsbezirk Arnsberg.
Finanziert wurde diese Interviewreihe durch das KOMM-AN-Programm bis Dezember 2024 über das Kommunalintergrationszentrum der Stadt Hamm.
Protagonistinnen der Interview-Reihe 2025
Eine kurze Zusammenfassung der früheren Interkulturellen Hammer Interviews ist unter Radio Runde Hamm vom zu hören. Siehe https://www.radiorundehamm.de/aktuelles/interkulturelle-hammer-interviews-kommen-in-unser-programm
Das Projekt wird dank eines Zuschusses der Interkulturfonds der Stadt Hamm zwischen Juli 2025 und Januar 2026 fortgesetzt. Die zentralen Fragen der Workshops und Radiosendungen sind:
=> Was sind ihre Erfahrungen in der deutschen Gesellschaft vor Ort?
=> Fühlen sie sich wohl, akzeptiert, respektiert?
=> Wie erleben sie den Zugang zum sozialen Umfeld, zum Arbeitsmarkt, zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe?
=> Über welche Fortschritte oder Rückschläge können sie uns im Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft berichten?
=> Was vermissen sie?
Die HÖRBAR-Radiosendungen sind dienstags jeweils von 21 bis 22 Uhr im Bürgerfunk auf der Lippewelle zu hören am:
21.01.2025: Auftakt mit Maryann, Claudia und Ralf Grote
Auftakt bei Radio Runde Hamm
25.02.2025: Lebensgeschichten und Musik von Frauen zwischen den Kulturen
Hörbar 1: Es ist als Podcast HIER zu hören.
22.04.2025: “Wir haben Rechte”
Hörbar 2: Es ist als Podcast HIER zu hören.
24.06.2025: „Ohne Angst“
Hörbar 3: Es ist HIER zu hören.
26.08.2025: „Wir schaffen was!“
Hörbar 4: Als Podcast bald HIER zu hören.
28.10.2025: „Wir sind Zeitzeuginnen“
Hörbar 5: Als Podcast bald HIER zu hören.
23.12.2025: Inhalt bald hier zu lesen
Hörbar 6: Als Podcast bald HIER zu hören.
Weitere Hörbeiträge von radio continental drift HIER
Die „Interkulturelle Hammer Interviews“ als „HÖRBAR – Lebensgeschichten von Frauen* zwischen den Kulturen“ wird vom Juli 2025 und Januar 2026 von den Interkulturfonds der Stadt Hamm gefördert. 
Protagonistinnen der Interview-Reihe 2024
Die interkulturelle Projekt- und Interviewreihe entwickelt sich 2024 mit den Inputs der Teilnehmerinnen aus den Austauschtreffen weiter. So wuchs die Möglichkeiten des gemeinsamen Lernens für alle Beteiligten, die immer mehr einen größeren Anteil an den Projektaktivitäten nahmen.
Die Protagonistinnen im Projekt 2024 waren:
Sebar Alpeso, Jesidin aus dem Irak und Mitorganisatorin des Gedenktags der Jesiden, Manar Mohammed, Palästinenserin aus Syrien und angehende Busfahrerin in Bochum, und Maria Salinas aus Bolivien, Vorsitzende des Integrationsrats in Münster.
Hinzu kamen eine Gruppe junger Workshop-Teilnehmerinnen – insbesondere, Meryem Isho, Hevi Ali, Mariama Njai und Rohif Ali, die zurzeit alle Schülerinnen an Hammer Schulen sind.
Ein Ziel der Maßnahme ist es, dass teilnehmende Mitbürgerinnen im Laufe des Projekts umfangreiche Medienkompetenz erwerben und in Koproduktion ihre eigene Geschichte weiblicher Migration in Podcasts produzieren können. So erzählten und zeichneten die Frauen an einem Ort ihrer Wahl ihre Geschichte auf. Sie reflektiven die Aufnahme und entscheiden dann, welche Inhalte veröffentlicht werden. So schreibt Manar im Feedback auf ihr Interview: „… ich möchte sagen, dass die Audioaufnahme wunderbar ist. Ich weiß nicht, ob meine Sprache in diesem Fall angemessen ist. Ich finde viele sprachliche Fehler, aber ich bin sehr stolz auf mich, dass ich meine Geschichte mit euch teilen konnte.“
Meryem und Hevi über Orte und Heimat
Hier => https://archive.org/details/meryem-und-hevi-ueber-orte-und-heimat-2024
Mariama erzählt von einem Lieblingsort
Hier => https://archive.org/details/mariama-erzaehlt-von-einem-lieblingsort
Rohivs Interview mit ihrer Deutschlehrerin
Hier => https://archive.org/details/rohivs-interview-mit-ihrer-deutschlehrerin
Die Protagonistinnen sprechen weiter hin in ihren Interviews über ihre Fluchtgeschichte, Unterschiede zwischen der alten und der neuen Heimat, sowie über die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede der Kulturen und der sozialen Beziehungen. Hier begegnen Zuhörer*innen den Erfahrungen mit Krieg, Vertreibung, Armut und Ausgrenzungen von Frauen und von Minderheiten.
Durch die Interview-Reihe möchten die Erzählerinnen anderen Mitbürgerinnen in ähnlichen Situationen Mut zusprechen und online Zuhörende neugierig machen, die große Vielfalt der interkulturellen Lebenserfahrungen in einer Stadt wie Hamm im persönlichen Austausch kennenzulernen.
Maria aus Bolivien
„Ich träume von einer interkulturellen Gesellschaft, in der wir miteinander Kultur machen können…!“
Maria Salinas ersehnt sich eine Gesellschaft voller Offenheit und Neugier für die Vielfalt der anderen. Im studentischen Milieu Münsters fühlt sie sich als Neuankömmling schon in die Zukunft katapultiert. Der Vielvölkerstaat Bolivien hat sich die Vielfalt der Indigenen Völker in den Namen geschrieben, „Estado Plurinacional de Bolívia“; der Begriff „Ausländer“ wie im Europäischen Kontext benutzt wird, gibt es eher selten, erzählt Maria.
Sie ist zum Studium nach Münster gekommen und hat geplant, bald wieder zurückzukehren. Doch das Leben ging weiter und als sie ein sehr gutes Jobangebot aus Bolivien erhielt und zurückwollte, ist sie Mutter geworden. Sie erlebt mit Schrecken, was bedeutet im Behördenstaat Deutschland, wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden.
„Frauen und Politik, damit bin ich aufgewachsen,“ sagt Maria. Marias Mutter war politisch aktiv und setzte sich mit Workshops für die Rechte, Selbststärkung und Emanzipation der Frauen ein. Und noch bevor Maria nach Europa ging, war sie selbst schon in Bolivien politisch aktiv.
Als Fremde in Deutschland dauert es dann einige Jahre, bis sich das Leben für Maria ausreichend stabilisiert hat und sie an ihr politisches Engagement auch hier in Deutschland anknüpfen kann. Neben der Arbeit in einem Vollzeitjob und als alleinerziehende Mutter stellt sich Maria für die Wahl in den Integrationsrat von Münster zur Verfügung und wird dessen Vorsitzende. Leider erlebt sie auch hier Dinge, die sie in der neuen Heimat und umgebenden Gesellschaft schwer zu ertragen sind. „Ich weiß jetzt, wie Hexen sich gefühlt haben müssen…“.
Aber, auch das erzählt uns Maria, in und durch ihre Arbeit als Vorsitzende des Integrationsrates erlebt sie dann schließlich auch das, was sie sich erträumt hatte: in einer interkulturellen Gesellschaft, gemeinsam Kultur zu machen.
Ein herausragendes Ergebnis dieser Facette ihrer vielseitigen Tätigkeiten ist die Aufführung der Sinfonie „Dark Waters“ von Fuat Saka (Komposition) und Vangelis Zografos (Orchestersatz) im Theater Münster. Mit großer Begeisterung erzählt uns Maria von der faszinierenden Zusammenarbeit über Grenzen und Kulturen, die dieses Werk Realität werden ließen. Durch das Interview führen Claudia Wegener und Meryem Isho.
Siehe diese Interviews unter https://archive.org/details/Maria_aus_Bolivien
Sebar aus dem Irak
„Es heißt bei uns, dass die Jesiden 72 Vernichtungsversuche überlebt haben und dass im Ersten unsere heiligen Bücher verbrannt wurden. So kommt es zur Bedeutung des Erzählens und des Auswendiglernens aller kulturellen Überlieferungen bei den Jesiden,“ erzählt uns Sebar. Und auch sie selbst scheint die Kunst des Erzählens schon früh für sich verinnerlicht zu haben. Diesen Eindruck zumindest haben wir beim Zuhören.
Sebar ist 21 Jahre, seit neun Jahren in Deutschland und seit acht Jahren lebt sie mit einem großen Teil ihrer Familie in Hamm. Zu elft ist die Familie 2014 über die Türkei nach Deutschland geflohen.
Freudig erzählt Sebar, dass ihre Schulbildung aus dem Irak, entgegen ihren Erwartungen ausreichend war, im deutschen Schulsystem Anschluss zu finden. Inzwischen macht sie eine Ausbildung als Pflegefachfrau und studiert gleichzeitig Pflegewissenschaft in der Uniklinik Münster.
Sebar ist in der Stadt Sinjar (oder Schingal, kurmandschi [Şingal]) geboren, einer Stadt in den umstrittenen Gebieten Nordiraks, in der die Menschen zum größten Teil der ethno-religiösen Minderheit der Jesiden angehören. Etwa 7.000 Menschen lebten hier. „Sinjar war meine Welt, vom Krieg wusste ich nichts“. Ihr Vater allerdings hatte sich als Soldat für die Zentralregierung Iraks verweigert und hatte, noch bevor Sebar geboren war, mit seiner Familie nach Syrien fliehen müssen.
„Ich war 13 Jahre, als der Angriff kam,“ Sebar hat dies oft erzählt. Sie versteht sich als Zeugin für die Ereignisse und für die Kultur der Jesiden.
„Wir müssen den Flüchtlingen helfen“, sagte der Vater, erinnert sich Sebar. Schon zwei Wochen vor dem Angriff der IS-Kämpfer erreichen arabische Flüchtlinge Sinjar. Gewarnt auch von Verwandten und Freunden, hat die Familie etwas Zeit, ihre Flucht ins Gebirge vorzubereiten. Der Vater kennt das Gebirge sehr gut und doch ist es ein Aufbruch ins Ungewisse und das Verlassen von allem bislang Vertrauten. Die Angst vor den IS-Kämpfern ist groß und ihre Gräueltaten weit bekannt. Sebar hört, wie eine Nachbarin Sebar’s Vater bittet, er möge im Falle eines direkten Angriffs der IS bitte zuerst auf sie schießen. Sie fliehen durch Syrien und das Autonome Gebiet Kurdistan. Es werden immer mehr Flüchtlinge. Sie haben nun den Schutz von Soldaten und Hilfsorganisationen. Sie kommen schließlich in ein Flüchtlingslager in der Nähe der türkischen Stadt Batman. In dem Lager leben nur Jesiden. „Ich wollte keine sozialen Bindungen; ich wollte ja hier nicht bleiben“, so beschreibt Sebar ihre Situation. Fünf ihrer Geschwister machen sich schon nach zwei Monaten nach Deutschland auf. Sie lebt für ein Jahr mit den Eltern und anderen Familienangehörigen im Lager. Dann flieht auch die restliche Familie übers Meer nach Griechenland und schließlich nach Deutschland. „Es hat vier Jahre gedauert, bis ich all dies verarbeitet hatte“, erzählt Sebar. Ihre Erinnerungen hat sie in einem Buch festgehalten.
Während unseres Interviews hat Sebar eine erste sehr aufmerksame Zuhörerin, ihre Nichte Shila, 15 Jahre alt, die bei der Aufnahme anwesend ist. Shila ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die beiden jungen Frauen beschreiben sich nun gegenseitig, wie sie das Zusammentreffen mit den unbekannten Verwandten aus dem Irak bzw. aus Deutschland erlebt haben.
„Und nun haben wir es endlich geschafft“, schließt Sebar mit Erleichterung die Aufnahme ab: am 3. August 2024 hatte die Jesidische Gemeinde in Hamm und Umgebung zu einem Gedenktag zum zehnten Jahrestag des Genozids von 2014 eingeladen.
Siehe mehr zum o.g. Gedenktag unter https://fuge-hamm.org/2024/02/03/gedenktag-das-licht-des-jesidentums
Zu Sebars Audios siehe https://archive.org/details/Gedenktag_Jesiden_2024Hamm
und https://drive.google.com/drive/folders/1Ua-ODB3CAQegVaoIfJKyv29qWDql-ICs?usp=sharing
Manar und Hevi aus Syrien
Manar ist Palästinenserin und kommt aus Syrien. Sie ist Anfang 40, hat zwei Söhne – 12 und 9 Jahre alt, und lebt seit 2016 in Deutschland, zunächst in Leipzig, später in Bochum.
Hevi ist 20 Jahre alt, Kurdin und 2016 aus Kobane in Syrien geflüchtet. Sie hat zunächst mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt gelebt. Als die Familie wegen der Arbeit der Eltern nach Hamm zieht, weigert sich Hevi, bleibt zurück und lebt bei einer „Pflegefamilie“.
Die beiden Frauen treffen sich das erstmal in dieser Unterhaltung. Hevi führt durch das Interview mit Manar. „In unserem Land hätten wir als Frau keine Chance gehabt“, zu diesem Schluss finden Manar und Hevi im Gespräch mehrere Male.
Manar erzählt uns, dass sie sehr selbstbewusst, wie sie uns heute begegnet, das Ergebnis einer Ausnahmesituation ist: Sie ist in Damaskus geboren und aufgewachsen, in einem Viertel, in dem Palästinenser leben. Die Oma und vor allem ihr Vater versuchen, dem Kind die Mutter zu ersetzen.
Manar lernt sehr viel von der Oma: „Ich habe großen Respekt vor allem, was sie geleistet hat. Von ihr habe ich gelernt, ein verantwortungsvoller Mensch zu werden“. Der Vater ist Busfahrer und nimmt die kleine Tochter schon früh überall mit, im Bus z.B. oder wenn er zum Friseur geht. Später schickt er sie auf Botengänge zu Behörden und auch damit umzugehen lernt Manar schnell. „Er hat mich stark gemacht,“ sagt Manar.
Die Schwierigkeiten wachsen, je älter Manar wird. Sie spürt den Druck der Gesellschaft. Sie hat noch acht Geschwister und der ältere Bruder erlaubt ihr nicht, ohne Hijab in die Schule oder zur Uni zu gehen. Sie entscheidet, lieber nicht zu Hause zu sitzen.
Hevi hat Ähnliches mit ihrem Vater erlebt und gibt gerne Feedback. Die ersten Jahre in Deutschland waren sehr hart, erzählt Manar. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern, vier und ein Jahr alt. Mit Schrecken erlebt sie die Ohnmacht der Sprachlosigkeit. Sie muss dringend was ändern, sagt sie sich. Eine Frauenberatungsstelle in Leipzig unterstützt sie, hilft ihr, dass sie Kitaplätze für die Kinder bekommt, so dass Manar Sprachkurse besuchen kann. Später arbeitet Manar ehrenamtlich als Übersetzerin für die Beratungsstelle. Ein wichtiges erstes Erfolgserlebnis!
„Hier kannst du dein Leben selbst gestalten, auch als alleinerziehende Mutter…!“
Eine schwere Krankheit des älteren Sohnes fordert Manars Kräfte auf Äußerste. Aber auch aus dieser Herausforderung kann sie gestärkt hervorgehen. „So, nun bin ich dran“, nimmt Manar sich vor. Sie macht die Weiterbildungen, die ihr angeboten werden und kommt ihrem Traumziel immer näher. Sie möchte Busfahrerin werden, wie ihr Vater. Zur Zeit dieses Interviews hat Manar schon mit der Ausbildung begonnen und fährt einen 13 Meter langen Bus mit dem Fahrschule-Zeichen durch Bochum. Hevi entlockt Manar, die Einzelheiten ihrer neusten Erfahrungen zu berichten.
Siehe mehr dazu unter https://archive.org/details/Manar_und_Hevi_aus_Syrien_2024
Die Workshops, Interviews, Organisation und Korrespondenz leitet Dr. Claudia Wegener von der Initiative radio continental drift. Die Gesamtbegleitung des Projektes lag bei Marcos A. da Costa Melo (FUgE e.V.).
Protagonistinnen der Interview-Reihe 2023
Die Protagonistinnen der Interviewreihe waren 2023 Isabel aus Chile, Bulemu aus Zimbabwe, Melina aus Mexiko und Seval aus der Türkei bzw. aus Hamm.
Unterwegs mit der Interviewreihe „Interkulturelle Hammer Interviews“ haben wir dem Projekt den englischen Untertitel „Women in between cultures“ zugeordnet. Jede der Protagonistinnen nimmt uns beim Zuhören direkt auf ihre individuelle Reise als Frau zwischen den Kulturen mit. Mit jeder Stimme und Erzählung öffnen sich neue Facetten dessen, was oft zu flüchtig, als „inter-kulturell“ definiert wird. Die Breite der individuellen Erfahrungen ist vielseitig. So lernen wir von den Protagonistinnen, von Verlust erleiden bis zu Bereicherung erleben, von einem Gefühl der Ohnmacht bis zu dem einer Stärkung, auch unfassbar, beides gleichzeitig (empowering and disempowering at once).
Isabel aus Chile
„Wir machen einfach weiter! Mit unserer Erinnerung und mit unserer Kultur müssen wir ganz laut sagen, dass wir in Liebe und Frieden miteinander leben wollen…“, so versucht Isabel ihre Erfahrungen im Widerstand gegen Ungerechtigkeit mit und zwischen den Kulturen zu fassen.
Seit ihrer Flucht nach Deutschland 1983, ist Isabel zu einer gefragten Stimme der Widerstands- und Friedensbewegung der chilenischen Diaspora geworden; so auch in Hamm im September 2023 mit einem Konzert zu „Chile. 50 Jahre. Gewalt, Kultur, Widerstand“.
Siehe https://fuge-hamm.org/2023/03/30/chile-50-jahre-gewalt-kultur-widerstand
Die Liebe zur Musik, zum Gesang und zum Schreiben ist, so erzählt uns Isabel eine Verbindung zur Mutter, die mit der Trennung der Eltern aus ihrem Leben verschwand.
Im Zweiten Weltkrieg waren Isabels Eltern mit dem jüngeren Bruder von Ungarn zunächst nach Holland und dann nach Chile geflüchtet. Isabel selbst ist in Chile geboren. „Ich bin die einzige Chilenin in meiner Familie“, sagt sie.
Isabel lebt seit nun 40 Jahren in Deutschland. Sie versteht sich als eine „Botschafterin für den Frieden“ in all ihren vielseitigen Aktivitäten, und ganz besonders in der gemeinsamen Musik mit ihrem Lebenspartner, Martin Firgau im Duo Contraviento (wörtliche Übersetzung des deutschen Begriffs „Gegenwind“).
Als junge Studentin erlebt Isabel den Aufbruch in Chile mit der Regierung Allendes. Drei Jahre später, nach dem Putsch, kämpft sie als angehende Journalistin einen leidvollen und gefährlichen Weg des Überlebens unter der Diktatur Pinochets. Sie will bleiben und neue Wege für den Widerstand finden. Zehn Jahre nach dem Putsch, 1983, flieht sie nach Deutschland.
Der deutschen Chile-Solidaritätsbewegung ist Isabel nach ihrer Flucht nach Deutschland gleich direkt begegnet. Dabei wird Isabel mit gefährlichen Verdächtigungen empfangen – wie sie uns erzählt. Heute ist diese Solidaritätsbewegung Isabels „Familie“ (siehe Track 08, aufgenommen am Paul Wulf Denkmal in Münster am 22.01.2024).
Isabel schätzt ihre Erinnerungen, diese gelebten Erfahrungen aus dem Widerstand im Strom der Geschichte. Erinnerung soll sich mit Kultur verbinden und wirksam werden. Diese Erkenntnis bewegt Isabel’s regelmäßigen Austausch mit Schüler*nnen in Deutschland, ebenso wie ihr Schreiben und ihren musikalischen Aktivismus. Und so liest sie auch hier im Interview u.a. ihr Gedicht „Seltene Pflanzen“, gewidmet den Menschen, die „in zwei Stück Erde wurzeln“.
Während sie mit uns einige Flyer ihrer Aktivitäten betrachtet, singt sie ein bekanntes Lied der Chilenischen Sängerin Violeta Parra: Ich danke dem Leben („Gracias a la vida“).
Zu den Audio-Tracks siehe https://archive.org/details/isabel-ich-danke-dem-leben
Bulemu aus Simbabwe
„Diese Veränderungen (die auch in mir präsent sind), sind in etwa die von einem Zustand des täglichen Überlebens zu einem Bewusstsein, nun mein Leben zu beginnen…“, so versucht Bulemu Anfang 2024 die Erfahrungen ihres jungen Lebens auf einen Punkt zu bringen. Die 26-jährige spricht von Veränderungen, die auch in ihr selbst als einer Art doppeltem Bewusstsein präsent bleiben.
Bulemu wurde in Binga, einem extrem abgelegenen und von Armut geprägten Gebiet im Norden Simbabwes geboren. Das indigene Volk der Tonga, das hier lebt und zu dem auch Bulemu gehört, wurde 1958 beim Bau des Kariba Stausees aus ihrem angestammten Gebiet, einem fruchtbaren Zambezi-Flusstal, vertrieben.
Bulemu ist eine in Deutschland ausgebildete Pflegekraft, arbeitet in der Notfallaufnahme eines Krankenhauses, lebt in ihrer eigenen Wohnung und ist im Vorstand von Welthaus Bielefeld, das sie als Süd-Nord-Freiwillige von Simbabwe nach Deutschland brachte. Das Interview haben wir Ende 2023 in Hamm, in Bulemu’s Auto, aufgenommen.
Rassismuserfahrungen in Deutschland? Ja, hat sie einige gemacht. Im Interview 2018 vor ihrer Reise nach Deutschland hatte Bulemu uns anvertraut, wie sehr sie sich vor der Begegnung fürchtet. „Nichts kann dich wirklich darauf vorbereiten… du musst stark sein…!“
In Hamm ist Bulemu inzwischen zu einer gefragten Mitstreiterin in Sachen Frauen in der Süd-Nord Kooperation und Fairer Handel geworden: Die Seife der Frauenorganisation Zubo Trust in Binga wird u.a. auch in Hamm im Weltladen verkauft. Das letzte Interview haben wir anlässlich Bulemu’s Besuchs beim FUgE-Treff zum Seifen-Projekt der Frauenorganisation Zubo Trust am 15. Dezember 2023 in Hamm aufgezeichnet.
Es ist das dritte Mal, dass wir Bulemu’s Lebensgeschichte im Interview begleiten dürfen. 2018 hat Bulemu für uns ihr Leben als heranwachsende junge Frau in der Kleinstadt Binga beschrieben: Schule und Ausbildung für eine Frau gehören hier nicht zu den Prioritäten, berichtet sie. Vorsichtig hatte sie gleichzeitig durch Gespräche Ausblicke auf ein Leben in Deutschland gewagt, in das sie Anfang 2019 aufbrechen sollte. Siehe Interview von 2018 in Binga https://archive.org/details/BulemuMutaleSouthNorthVolunteer
Im Interview 2021 in Hamm nimmt uns Bulemu mit auf eine spannende Reise zwischen nicht-mehr und noch-nicht-ganz, zwischen Kultur und Gesellschaft im „Süden“, d.h. im ländlichen Simbabwe und im „Norden“, d.h. in Bielefeld, in Hamm, in NRW und in der Region. Sie beleuchtet die sich auftuenden Zwischenräume in Bezug auf das Erlernen einer neuen Sprache und das schrittweise Kennenlernen anderer Arbeits-, Gesellschafts- und Familienstrukturen. Siehe Interview von 2021 in Hamm https://archive.org/details/BulemuMutale_SouthNorthVolunteer2
Wir haben auch das vorliegende Interview auf English aufgezeichnet, um unseren englisch-sprachigen Zuhörer*innnen die Möglichkeit zu geben, auch dieser Fortsetzung von Bulemu’s Geschichte zu folgen. Wir werden das nächste Interview mit Bulemu auf Deutsch machen.
Zu den Audio-Tracks 2023 siehe https://archive.org/details/bulemu-from-Zimbabwe
Melina aus Mexiko (mit Romina)
„Kinder wie meine Töchter machen dieses Land reich, sie sind mit zwei Kulturen aufgewachsen… Ich liebe Deutschland und arbeite viel für dieses Land. Aber ich bin eine stolze Mexikanerin und werde es bleiben“, dies ist Milena’s Perspektive auf ihr Gastland und ihr Leben hier.
Die Anwältin aus Puebla, nahe Mexiko City kam mit ihrem Mann und zwei Töchtern 2013 nach Hamm. Ihr Mann, ein deutscher Ingenieur und gebürtig aus Hamm, arbeitete in Mexiko und der Region und so kam Milena letztlich „wegen der Liebe“ nach Hamm.
Wegen der Liebe auch zu ihren beiden Töchtern sind sie gekommen, so erzählt Milena. Die Zukunft der Kinder war letztlich ausschlaggebend, als Romina, die ältere Tochter, sechs Jahre alt und schulpflichtig wurde. „Als Frauen haben sie dann doch hier in Deutschland mehr Freiheit und bessere Chancen“, meint Melina.
Tochter Romina, in Mexiko geboren und aufgewachsen, hört zu, während ihre Mutter im Interview erzählt. An zwei Stellen im Gespräch laden wir Romina ein, auch aus ihrer Perspektive zu schildern: Was bedeutet es für sie in Hamm mit mehr als einer Kultur aufzuwachsen bzw. aufgewachsen zu sein?
Melina liebt ihr Land und ihre große mexikanische Familie. Mit vier Schwestern und einem Bruder ist sie großgeworden. Sie schätzt sich glücklich, dass ihre Familie wohlhabend genug war, allen Geschwistern Schule und Ausbildung zu ermöglichen. Ausführlich beschreibt sie uns immer wieder die krassen Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen urbanen Zentren und ländlicher Abgelegenheit in Mexiko.
Es war nicht einfach, und hat lange Zeit gedauert, in Deutschland und in Hamm anzukommen, berichtet Melina. Zwei, drei Jahre ging es hauptsächlich ums Erlernen eines anderen „Alltags“ in einer neuen Sprache. Zunächst stand Anpassen an erster Stelle, z.B. was Bekleidung von Frauen in Deutschland angeht. Aber schon bald fühlt sich die Mexikanerin stark genug, ihre Identität auch im Gastland zum Ausdruck zu bringen.
Nach zwei Jahren begann sie als Spanischlehrerin bei der VHS in Hamm und vor drei Jahren nahm sie zudem die Arbeit als Betreuerin in der Zentralen Unterbringungseinrichtung für Geflüchtete (ZUE) auf.
Nie hat sie geahnt, dass ihr in ihrem Leben in Deutschland eine solche Vielfalt an Kulturen begegnen würde, meint Melina. Als Mutter und als Betreuerin, kennt sie die Möglichkeiten und Grenzen, die sich zwischen den Kulturen auftun. Lachend erzählt sie, dass sie zu Anfang die Idee hatte, Sambakurse in der ZUE anzubieten, sich dann aber doch für ein „allgemeineres“ Fitnessangebot entschied, um damit Menschen unterschiedlichen Alters und mit diversen Moralvorstellungen besser anzusprechen.
Licht und Schatten liegen oft ganz dicht beieinander. Wir sprechen mit Melina über Femizide in Mexiko, die Frauen- und Protestbewegung und die Hoffnung bzw. hohe Wahrscheinlichkeit, dass bei den diesjährigen Wahlen in Mexiko eine Frau zur Präsidentin des Landes gewählt werden kann.
Zu den Audio-Tracks siehe https://archive.org/details/melina-aus-Mexiko
Seval aus Hamm
„Es ist ja die Heimat… und irgendwann würde man dahin zurückkehren… , aber ich bin heimatlos…!“ Seval spricht eindringlich von einem Leben irgendwo im „dazwischen“. „Es bricht etwas zusammen, und vielleicht, später einmal, baut man es selbst und nach eigenen Vorstellungen wieder auf…“.
Als die jüngste von sieben Geschwistern wächst Seval bei den Großeltern in der Türkei auf und absolviert dort das erste Schuljahr. Dann kommt sie nach Deutschland, um wieder mit den Eltern zu leben und beginnt im Hammer Westen in einer fremden Sprache noch einmal mit der Schulausbildung. Ältere Geschwister bleiben weiterhin in der Türkei. Die Familie ist zwischen zwei Ländern zerrissen.
Mit ihrer Erzählung bringt Seval für uns Licht in den Begriff der sog. „Gastarbeiter-Familie“ und was diese Geschichte für die Menschen in Hamm und die Kinder der „Gastarbeiter“ hier vor Ort bedeuten mag.
Seval und ihre Geschwister sind musikalisch begabt und intelligent. Aber es gab dafür weder Raum der Wertschätzung noch der Förderung: „Es war für Deutschland ja auch nicht einfach… wir haben viel verpasst in unserer Kindheit!“. Ein Kunstlehrer der Realschule eröffnet ihr die Möglichkeit, ein Kunstabitur an einer Schule in Dortmund zu absolvieren. Auf eigene Initiative und nur unterstützt von der älteren Schwester gelingt es ihr, die Idee zu verwirklichen.
Zu ihrem Leben gehören Kopftuch und Religion. Seval erzählt, was dies für sie selbst bedeutet, und reflektiert die Wichtigkeit der Religion in ihrer Community. Jahre später, als Modedesign Studentin verarbeitet sie kreativ und sehr erfolgreich unterschiedliche Eindrücke aus der Moschee. Im Alltag glaubt man ihr nicht einmal, dass sie das Kunstabitur abgeschlossen hat. So etwas passt eben nicht in das Bild der „Gastarbeiter Geschichte“.
Sie steckt einiges zurück und übernimmt familiäre Verantwortung. Sie reflektiert klar und offen die begrenzten Möglichkeiten des Frau-Seins und Frau-Werdens in ihrem Umfeld: „Es gibt keinen Freiraum, sich als Frau zu entdecken, Gefühle für das Frau-Sein zu entwickeln.“
Am Rande der Stadt, mitten in der Siedlung leitet Seval einen interkulturellen Treffpunkt für alle dort lebenden Menschen. Seval gibt uns einen Einblick in die Räumlichkeiten und Aktivitäten, die hier regelmäßig stattfinden.
Zu den Audio-Tracks siehe https://archive.org/details/Seval_im_Dazwischen
Protagonistinnen der Interview-Reihe 2022

(Namen sind zum Teil anonymisiert)
Im Rahmen des Abschlusses des Projekts STIMMEN AUS HAMM* am Freitag, 2. Dezember 2022, um 18 Uhr in der Stadtbüchereie Hamm zeigten die Protagonistinnen der KOMM-AN-Interviewreihe ihre Audio- und Filmproduktionen über ihr neues Leben, negative und positive Erlebnisse in Deutschland, ihre Gefühle der Sicherheit in der neuen Heimat Hamm, aber auch über ihre Flucht- und Migrationserfahrung.
* Mehr über das oben erwähnte Projekt ist zu erfahren unter https://fuge-hamm.org/2022/06/02/abschluss-stimmen-aus-hamm-und-ausstellungseroffnung-nothing-about-us-without-us
Dies wurde vom Internationalen Frauen Forum Hamm in Kooperation mit der Flüchtlingshilfe und FUgE durchgeführt und von Demokratie Leben finanziert. Es ist jedoch von der hier vorgestellten KOMM-AN-Maßnahme getrennt zu betrachten.
Roksana aus der Ukraine
(Interview auf Ukrainisch mit deutscher Übersetzung)
Roksana hat sich vorbereitet auf das Interview und einen Text geschrieben. Zu Beginn liest sie diese Reflexionen zu ihrer Flucht aus der Ukraine und ihr Ankommen in Hamm, zunächst auf Ukrainisch und dann auf Deutsch.
1 Roksana_Sie liest ihren Text ukrainisch und deutsch – 08:48
2 Roksana_Ballerina und Diplomatin – 09:49
3 Roksana_Meine Mutter – 07:26
4 Roksana_Studentin und Geschäftsfrau – 10:27
5 Roksana_Mutter und Psychologin – 09:08
6 Roksana_Man braucht Träume – 08:42
7 Roksana_Krieg, Flucht und Ankommen in Hamm – 12:02
8 Roksana_Als Flüchtling in Hamm – 14:42
In: https://archive.org/details/Roksana_Ukraine
In den vergangenen zehn Jahren hatte Roksana in ihrer alten Heimat als Sozialarbeiterin geflüchtete Frauen und Kinder aus den Ostgebieten der Ukraine betreut. Diese Tätigkeit hat ihr sehr viel bedeutet. Noch immer bekommt sie Nachrichten und Anrufe von Menschen, die sie betreut hat, „und nun bin ich selber Flüchtling…!“ erzählt sie.
Die Mutter von zwei Söhnen berichtet, wie sie den Beginn des Krieges erlebte: „niemand wollte glauben, dass der Krieg kommen würde…“ Dann kommt der Angriff, Bomben fallen und Panik bricht aus. Sie teilt Angst und Schrecken mit dem kleinen Sohn. Mann und Eltern raten zur Flucht. Eine Bekannte besorgt Plätze in einem Bus nach Polen. Sie packen einen Rucksack in Eile und schon sind sie auf dem Weg.
Auch wenn diese Erlebnisse die derzeitige Situation und Grundstimmung bestimmen, so strukturiert sich die Lebenserzählung der 46-jährigen Roksana beachtlicherweise entlang ihrer Träume in den verschiedenen Lebensabschnitten: „Wir brauchen Träume…!“
Der Traum ihrer Kindheit war es, Ballerina zu werden, doch, erzählt sie lachend, die erste Übung wurde ihr schon zum Verhängnis.
Die Jahre der Not und Unsicherheit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind ihr gut in Erinnerung, ebenso der Patriotismus, der dadurch folgte. Ihr Traum war es, Diplomatin zu werden und ihr Land international zu vertreten. Roksanas Schulnoten sind zur Realisierung dieses Traums nicht ausreichend. Sie studierte Wirtschaftsinformatik und möchte Geschäftsfrau werden.
Als sie zum zweiten Mal geheiratet hat und der zweite Sohn noch klein war, hatte sie einen neuen Traum: Sie möchte Psychologie studieren, was sie dann auch realisierte. „Und nun bekomme ich in der Flüchtlingshilfe Hamm selbst psychologische Hilfe …“, sagt Roksana.
Bürokratie und Deutschkurs-Routine bei der Ankunft in Hamm erlebt sie nach dem Schrecken von Krieg und Flucht als Beruhigung und Sicherheit. Der nächste Traum liegt auf der Hand: gut und schnell Deutsch zu lernen und ihre Erfahrungen als Sozialarbeiterin auch in Hamm einzubringen.
Audio und weiteres unter https://archive.org/details/Roksana_Ukraine
Valentina, eine Deutsche aus Russland
(Interview auf Deutsch)
1 Valentina_Meine Kindheit in Orsk – 07:31
2 Valentina_deutsch und nicht Deutsch – 06:59
3 Valentina_Schulzeit unter Exilintellektuellen – 06:20
4 Valentina_Immer wieder was Neues angefangen – 06:34
5 Valentina_Als die Archive geöffnet wurden – 11:48
6 Valentina_Habs nicht geglaubt bis zuletzt – 10:55
7 Valentina_Als Aussiedlerin in Deutschland – 08:53
8 Valentina_Und das in einem freien Land – 11:37
In: https://archive.org/details/Valentina_Deutsche_aus_Russland
„Das Deutsche war ja verboten…“, sagte sie. Valentina lebt seit Anfang der 1990er Jahre in Hamm, ist 70 Jahre alt und eine beeindruckende Erzählerin. Der Ausdruck „wie ein wandelndes Geschichtsbuch“ liegt nahe beim Zuhören.
„Man hat das ja in sich unterdrückt, das Deutsche…“ Solange die Oma noch lebte, wurde zu Hause – aber auch nur zu Hause – Deutsch gesprochen. Doch die Oma starb als Valentina in die Schule kam.
Das Lesen, das Valentina dann so gern und ausgiebig macht, das geschieht auf Russisch. Valentinas Lehrer*innen sind Exilintellektuelle. Erst rückblickend begreift sie, was ihr diese Situation an Wissen und Fähigkeiten mitgegeben hat.
„Ich wollte ja dann auch mal studieren… aber mein Mann war strikt dagegen…“, erzählt Valentina. „Ich hatte eigentlich keinen richtigen Beruf… hab mich irgendwie immer so durchgemogelt, weil ich so gut reden konnte…“; sagt sie lachend.
Diese Fähigkeiten bringen Valentina dann auch den geschichtsträchtigen Job in einem Projektbüro der historischen Aufarbeitung Ende der 1980ger Jahre in der Zeit der „Perestroika“.
Deutsch fließend zu sprechen hat Valentina dann erst kurz vor ihrer Ausreise gelernt. Mit insgesamt sieben Personen ihrer Familie kommt sie nach Deutschland. Zunächst nach Friedland ins Lager, dann bald auch nach Hamm. Sie kann es bis zuletzt kaum glauben, dass sie nun „in ein freies Land“ kommt…
Umso bitterer ist die Erfahrung, wenn sie – später auch ihre Kinder und „halb-türkischen“ Enkelkinder – fremdenfeindliche und sogar rassistische Anfeindungen in dieser Gesellschaft erleben müssen. Es ist eine beunruhigende, eine „verstörende“ Erfahrung, mitzuerleben, wie die Geschichte sich wiederholt…, so Valentina.
Audio und weiteres unter https://archive.org/details/Valentina_Deutsche_aus_Russland
Yuliia and Nataliya from the Ukraine
(Interview auf Englisch)
1 Yuliia and Nataliia_Where i come from – 21:06
2 Yuliia and Nataliia_We met in Hamm – 14:16
3 Yuliia and Nataliia_Womens lives in Ukraine – 14:42
4 Yuliia and Nataliia_New life different experiences – 21:28
In: https://archive.org/details/Julia-and-Nataliia_Ukraine
„Der Krieg hat unsere Denkweise verändert…“ fasst Nataliya (38) ihre Erfahrungen zusammen.
Nataliya kommt aus der Hauptstadt Kiew und kann sich an die schwierige Zeit direkt nach dem Ende der Sowjetunion erinnern, die ihre Kindheit geprägt hat. Yuliia gehört einer jüngeren Generation an und kommt aus einer Stadt in der Westukraine, die für ihre Märkte berühmt ist.
Krieg und Flucht und die gemeinsamen und ähnlichen Erfahrungen in dieser Situation haben die beiden Frauen aus der Ukraine zusammengebracht. „Wir gehören eben zum selben Team“, so beschreibt Yuliia (28) die Grundstimmung der Solidarität unter den Ukrainerinnen vor Ort. Yuliia und Nataliya lernten sich in den Warteschlangen beim Sozialamt in Hamm kennen und wurden beste Freundinnen. Dabei stellt sich u.a. heraus, dass Nataliyas gesamte Familie aus Chmelnyzkyj stammt, der westukrainischen Stadt, in der Yuliia zu Hause ist.
Für deutsche Zuhörer*innen wird es interessant sein, den Reflexionen der Frauen über die Unterschiede in der Verwaltung, in der Schule, im Umgang mit Dokumenten und digitalen Daten in den beiden Ländern zu folgen. Diese Erfahrungen nehmen natürlich einen großen Raum in ihrem derzeitigen Leben ein. Aber die Reflexionen enden dort nicht, wie Nataliyas eingangs zitierte Beobachtung, ahnen lässt…
Audio und weiteres unter https://archive.org/details/Julia-and-Nataliia_Ukraine

Tina, eine Afghanin aus dem Iran
(Aufnahmen in Dari und Englisch)
Tina – „I hope for a world…!“ (Afghanin aus dem Iran)
In: https://archive.org/details/Tina-ich-hoffe-auf-eine-welt-2
„Ich hoffe auf eine Welt ohne Krieg und ohne Schmerz…“, liest Tina auf Dari.
Tina ist in Afghanistan geboren, aber im Iran aufgewachsen. Ihre Familie zieht in den Iran, als sie zwei Jahre alt ist. Tina war aktiv bei Veranstaltungen vor Ort in Hamm beteiligt. So haben wir mehrere Veranstaltungsmitschnitte mit ihrem Beitrag im Archiv aufgenommen. Nur aus Auszügen dieser Mitschnitte haben wir einen Soundtrack über die Aktivistin geschnitten, um sie mit ihrem Beitrag zu portraitieren.
Hinzugekommen sind englische Übersetzungen, die die iranische Journalistin Mahtab Mahboub spricht. Insbesondere sind hier Auszüge einer Mahnwache für Afghanistan am 7. Oktober 2022 vor dem Bahnhof Hamm zu hören, die Tina initiiert und gemeinsam mit FUgE, Amnesty International und der Flüchtlingshilfe Hamm realisiert hatte. Am Anfang hören wir einen Text, den Tina in einem „Creative Writing“ Workshop mit Mahtab verfasst hat:
Ich hoffe auf eine Welt ohne Krieg und ohne Schmerz
Mit Kindern, die fröhlich und unbeschwert sind
Menschen, die sich keine Sorgen machen, zu verhungern
Menschen, die frei sind, frei und frei
Ich hoffe auf eine Welt, in der kein Glaube, keine Religion und keine Politik Hände fesselt
Ein lauter Schrei Schrei Schrei gegen die Ungerechtigkeit
Mögen alle Frauen, die die Politik in Ketten gelegt hat, befreit werden.
Audio und weiteres unter https://archive.org/details/Tina-ich-hoffe-auf-eine-welt-2
Kurzfilmproduktionen von STIMMEN AUS HAMM
Roksana – „Wir brauchen Träume…!“ https://youtu.be/ZoXcE_rvJ1M
Valentina – „Dass die Felder so grün waren…“ https://youtu.be/JBqvC-dGUaU
Yuliia and Nataliya – „We met in Hamm…“ https://youtu.be/1musAnbftk4
Tina „I hope for a world…!“ https://youtu.be/iWphP5uQbwI
Die interkulturellen Hammer Interviews sind ein Interkulturprojekt von FUgE e.V. mit radio continental drift, das im Rahmen des Förderprogramms KOMM-AN des Landes NRW gefördert wurde. Das Projekt STIMMEN AUS HAMM wurde dagegen im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.
„Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Förderer dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.“
Protagonistinnen (zum Teil anonymisiert) der Interview-Reihe 2021
Maryam aus Afghanistan
„Deutschland ist mein Heimatland. Es gibt hier so viele Möglichkeiten für mich; für die Frauen …!“ so beginnt Maryam ihre Erzählung.
Die 31-jährige Frau aus Afghanistan kommt 2015 mit ihrer ganzen Familie, insgesamt 16 Personen, nach Deutschland; zunächst nach Wesel, dann nach Hamm.
Maryam kommt aus einem Dorf in der Nähe von Urozgan im abgelegenen Bergland zwischen Kabul und Kandahar. In ihren Beschreibungen nimmt sie uns mit in das Leben auf dem Land; die Gefahren und Einschränkungen im abgelegenen Bergland. Sie gibt uns vor allem Einblicke in das Leben der Frauen und beschreibt ihr eigenes Leben als heranwachsende Frau in der Großfamilie auf dem Hof des Großvaters. …
Weiteres unter https://archive.org/details/Maryam_aus_Afghanistan
Felicitas von den Philippinen
„Ich habe zwei Mütter …“ und, „die Frauen sind so kämpferisch…“ sind zwei Zitate aus Felicitas‘ Bericht, die etwas von der wichtigen Rolle der Frauen in ihrem Leben andeuten können. Die 52- jährige Frau und erfahrene Krankenschwester kommt aus Laoag City, der Hauptstadt des Bezirks Ilocos Norte, im Norden des Inselstaates Philippinen. Mit 24 kommt sie durch Heirat nach Deutschland und direkt nach Hamm.
Felicitas wächst als siebte von neun Geschwistern auf; der nächst ältere Bruder ist ihr ständiger Begleiter; die beiden ältesten Schwestern übernehmen Mutterrolle, denn die Mutter arbeitet die meiste Zeit des Tages auf dem Markt im Fischverkauf. Der Vater geht fischen und bereitet das Essen für die Familie zu; den übrigen Tag arbeitet er in der Bauindustrie. …
Weiteres unter https://archive.org/details/Felicitas_von_den_Philippinen
Sara aus dem Iran
„In Deutschland habe ich viele Mütter und viele Väter,“ sagt Sara in ihrer Lebenserzählung.
Die 50-jährige Frau aus dem Iran kommt 2015 mit ihren beiden Söhnen, sechzehn und dreizehn Jahre, nach Deutschland. Zunächst kamen sie nach Hamm-Heessen, leben dann für einige Jahre in Versmold und kommen abschließend zurück nach Hamm.
Sara kommt aus der Industriestadt Ahwaz im Süden des Landes, unweit vom Persischen Golf und der Grenze zum Irak. Wie die Mehrheit der Bevölkerung in der Stadt spricht auch Sara Arabisch und Persisch. …
Weiteres unter https://archive.org/details/Sara_aus_dem_Iran
Mary aus Kenia
„In unserer Kultur müssen die Kleinen auf die Älteren hören“ erzählt Mary im Interview. Die 45-jährige Frau aus Kenia hat eine hohe Aufmerksamkeit für kulturelle Ausdrucksformen und deren Unterschiede. Und so wird sie dann in Deutschland auch ganz bewusst in der deutsch-afrikanischen Diaspora zu einer Brücke für andere.
Mary wuchs in einer großen Familie in der Hafenstadt Malindi, am Indischen Ozean, ca.120 km nördlich von Mombasa auf. Geboren ist sie allerdings in einem Dorf, namens Kirinyaga, unweit vom Mount Kenya. Mary gehört zu den jüngeren von insgesamt 16 Geschwistern. Die Familie arbeitet in der Landwirtschaft, ist Selbstversorger, aber gleichzeitig auch in einer Kaffee-Kooperativen organisiert. Das hilft das Einkommen zu verbessern, so dass die Kinder zur Schule gehen können und auch medizinische Versorgung gesichert ist. Vor der Schule arbeitet jedes Kind für eine Stunde in der Kaffeeplantage. Hier gehören die umliegenden Nachbarn auch zur Familie. …
Weiteres unter https://archive.org/details/Mary_aus_Kenia
Ein Interview mit Mary auf English ist hier https://archive.org/details/Wacuka-in-between-cultures
Ein Interkultur-Projekt von FUgE e.V. mit radio continental drift, www.radiocontinentaldrift.wordpress.com
Gefördert durch das Kommunale Integrationszentrum Hamm im Rahmen des Förderprogramms KOMM-AN des Landes NRW für das Förderjahr 2021.

Mit der freundlichen des Promotor*innen-Programms für interkulturelle Öffnung im Regierungsbezirk Arnsberg und im Auftrag der Landesregierung NRW.
