Eine Rezension von Marcos A. da Costa Melo
In: FUgE-News Ausgabe 01/2024
Das Buch „Brennpunkt Westafrika“ ist zwar 2022 erschienen, aber durch die Abschottungspolitik Europas hochaktuell. Der Soziologe und Menschenrechtsaktivist Olaf Bernau erklärt die Hintergründe, was die Dauerkrise in dieser Region mit Europa zu tun hat und wieso Migration aus Westafrika wirtschaftlich, aber auch kulturell seit Jahrhunderten eine tief verankerte Alltagspraxis darstellt. Darüber hinaus weist er darauf hin, dass der Ausbau der Festung Europa mithilfe korrupter und undemokratischer Regierungen in verschiedenen Transitländern Nord- und Westafrikas Risiken für demokratische Verhältnisse beider Kontinente verbirgt.
Der Autor geht davon aus, dass der Abbau von Klischees gegenüber dem Kontinent Afrika zu einem besseren Verständnis der Probleme beitragen und einen vielversprechenden Weg zu Lösungen aufzeigen würde, etwa bei der Unterscheidung zwischen Flucht und Migration, da die Übergänge zwischen Geflüchteten und MigrantInnen fließend sind. „Beispielsweise gilt der Sohn einer Familie, die im Nigerdelta in Nigeria ihr Ackerland wegen einer leckgeschlagenen Ölpipeline verloren hat, in Europa gemeinhin als «Wirtschaftsflüchtling». Ein nigerianischer Journalist hingegen, dem wegen kritischer Berichterstattung über das Schicksal der Familie juristische Schwierigkeiten drohen, hat in Europa gute Chancen, als Geflüchteter anerkannt zu werden.“ (S. 20)
In diesem Zusammenhang plädiert zitiert Bernau den Schriftsteller Rodrigue Péguy Takou Ndie: „Auch die vielen, die die erdrückende Situation ihres Landes und die extreme Armut nicht mehr länger ertragen wollen, haben ein Recht auf Schutz.“ (S. 21)
Flucht- und Migrationsursachen
Bernau zeichnet die verschiedenen Gesichter der Migration. Einerseits betont er Perspektivlosigkeit der Jugend, die ausschlaggebend für Migration, andererseits die persönliche Weiterentwicklung: „Man wird nicht erwachsen, solang man seine Familie nicht verlassen hat, um in die Ferne zu gehen, wo man andere Menschen und Kulturen entdeckt, und die Realitäten der Welt Kennenzulernen“, so den Journalisten Tidiane Kassé. Zirkuläre Migration ist seit Jahrhunderten in Westafrika üblich. Die MigrantInnen kommen meist nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurück – wenn die Verbindungswege nicht dichtgemacht werden!
Bernau blickt auf die Migration der Frauen Westafrikas als emanzipative Entscheidung: „In Afrika zu bleiben hätte bedeutet, entweder jung verheiratet oder jung schwanger zu werden. Beides hätte meine Träume zerstört“, so eine 26-jährige Migrantin aus Nigeria. Zudem geht der Autor detailliert ein auf die Lage der Frauen in Westafrika, ihr sozialpolitisches Ansehen und die Gründe für den großen Respekt, den sie dort genießen. Sehr wichtig ist Bernaus Hinweis, dass nicht unbeträchtliche Finanzmittel in den Familien für eine Migration vorhanden sein müssen und Angehörige und Freunde als Ankerpunkte in der Ferne sehr nützlich sind. Er stellt in diesem Zusammenhang fest, dass in der Regel Menschen aus der Stadt dieses Vorhaben besser finanzieren können als aus bäuerlich geprägten Gegenden.
Der koloniale Erb
In seinem Buch geht Bernau insbesondere auf die Folgen des kolonialen Erbes und die von Europa verursachte wirtschaftliche Zerstörung und auf die Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein. „Das postkoloniale Afrika hat niemals gebührend das Trauma betrauert, weder auf den eigenen Kontinent noch in den diasaporischen Communities der Karibik du der Amerikas … faktisch waren: Völkermord, Holocaust und Vertreibung in einem beispiellosen historischen und geografischen Ausmaß“, zitiert Bernau hier den kenianischen Schriftsteller Ngugi wa Thiong’o. (S. 74)
Er prangert ebenfalls die Weigerung Europas an, sich mit den Folgen der wirtschaftlichen Probleme Afrikas auseinanderzusetzen, da die EU eine stark subventionierte Landwirtschaft betreibt, die den schon schwachen Binnenmarkt Westafrikas zerstört. Zu nennen sind die fürchterlichen Folgen der nicht eingehaltenen Fangquoten europäischer Trawler für die Menschen v.a. an der Küste Senegals, bei der rund 600.000 Menschen, die vom Fischfang leben, betroffen sind.
Darüber hinaus weist Bernau auf den politischen Einfluss Frankreichs und Westeuropas hin, da er die demokratischen Strukturen der Länder Westafrikas schwächt. Die EU sagt solange nichts zu verfassungsrechtlichen Tricksereien diverser Präsidenten in Togo, Guinea und Elfenbeinküste länger im Amt zu bleiben, wie keine Nachteile für Europa zu befürchten sind.
Fazit
Um die komplexe Struktur des Themas Brennpunkt Westafrikas zusammenzutragen skizziert er im ersten Teil des Buches die Vorurteile und Mythen, die zu einer fehlenden Selbstkritik Europas führen und ein besseres Verständnis der katastrophalen Folgen des Sklavenhandels und Kolonialismus bis zum 2. Weltkrieg verhindern.
Detailliert stellt er im zweiten Teil die wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen zwischen Westafrika und Europa von der Unabhängigkeitsbewegung der 60er Jahre bis heute dar. Dabei erklärte er, wie die Abschottungspolitik der EU die Länder der Region auch politisch destabilisiert.
Abschließend geht er der Frage nach, was Europa tun bzw. unterlassen sollte, um einen Neuanfang in Westafrika zu ermöglichen.
„Brennpunkt Westafrika. Die Fluchtursachen und was Europa tun sollte“, Olaf Bernau, CH. Beck Verlag, 2. Auflage 2023, 317 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-406-78246-6
https://www.chbeck.de/bernau-brennpunkt-westafrika/product/33245328