800 Jahre Hamm: Ökologische Aspekte 01

u.a. Andzelika Stonkute und Karl Faulenbach.
Immer wieder in der achthundertjährigen Geschichte der Stadt Hamm ging es um ökologische Fragen – von den Verlegungen der Ahse über die „ökologische Stadt der Zukunft“ bis hin zum Ausbau der fahrradfreundlichen Stadt in den vergangenen Jahren.
In: FUgE-News Ausgabe 01/2026

Wasser: Stadtprägendes Element
Hamm hat viel mit Wasser zu tun – denn gegründet wurde die Stadt vor 800 Jahren am Zufluss der Ahse in die Lippe. Diese beiden Flüsse haben jede Menge Einfluss auf die Stadtgeschichte, nicht nur wegen der Wasserversorgung. Neben den Wällen und Mauern schützen auch die beiden Flüsse und moorigen Gebiete die Stadt vor feindlichen Angriffen. Und: Die Lippe ist auch Transportweg.
Dieser natürliche Schutz wird kurz nach der Gründung im 13. Jahrhundert ausgebaut. Lippe und Ahse verzweigen sich in den Fluss – auen. Um sie zu zähmen und weiteren Schutz zu schaffen, müssen beide Flüssse um etwa drei Meter aufgestaut werden. Die nachhaltigste Lösung dafür ist, neue Flussbetten in der höher gelegenen Stadtfläche anzulegen. Das alte Ahsebett dient weiter – als Stadtgraben. Der Teich im Nordring ist letzter Zeuge davon. Das ist die erste Verlegung des Flusses Ahse, und es ist nicht die letzte.

Hamm wächst, und im Laufe der Jahrhunderte verliert der Schutz vor Feinden seine Bedeutung. Stattdessen geraten im 19. Jahrhundert zunehmend üble Gerüche und regelmäßige Überschwemmungen in den Fokus. Der Stadtbaurat Otto Krafft packt die Probleme Anfang des 20. Jahrhunderts an. Um Gerüche und Überschwemmungen künftig zu vermeiden, lässt er dieAhse erneut verlegen. Ab 1911 wirdhinter dem Burghügel Mark einneues Flussbett gegraben, dass dieAhse Richtung Lippe führt, durch den Kurpark und unter dem Kanalzur Lippe. Die nicht mehr genutztenFlussläufe werden zugeschüttet,die Ringanlagen entstehen dort.
Unter ökologischen Aspekten ist die zweite Verlegung des Ahse- Fluss bettes nur so mittelgut. Der Fluss verläuft statt in einem natürlichen Verlauf in einem schnurgeraden kanalartigen Bett – da gibt es keine natürlichen Strukturen eines kleinen Flusses mehr: Altwässer, Tümpel, Kolke, usw. fehlen. Stattdessen gibt es einen steilen Damm, der vom Lippeverband intensiv mittels Mähmaschinen mehrmals jährlich gepflegt wird. Das bedeutet: es gibt auch keinen für Bachauen typischen Bewuchs. Daher: 2012 werden Teile der Ahse nahe des Hauses Caldenhof renaturiert.

Wasser: Erlebensraum Lippeaue
Pläne zur Errichtung eines Sees in den Lippeauen scheitern im Jahre 2006 am Ergebnis eines Ratsbürgerentscheides. Stattdessen wird mit finanzieller Unterstützung von Land und EU ab 2017 der Erlebensraum Lippeaue geschaffen, ein 195 Hektar großes Gebiet renaturierter Flusslandschaft, das thematisch einen Spagat liefern soll: Naherholungsgebiet in Wohnortnähe undzugleich geschützte Natur. Nachfünf Jahren Bauzeit wird der Erlebensraumim Juni 2022 eröffnet.
Das Projekt reiht sich ein in die Schaffung des Schutzgebietes „Lippeaue zwischen Hamm und Lippstadt mit Ahsewiesen“. Hier wird die Aue renaturiert und zum Vogelschutzgebiet erklärt. Dieses ist durch auentypische Strukturen, Altwässer, Röhrichte und Reste naturnaher Auengehölze gekennzeichnet.

Wasser & Verkehr: Lippe und Datteln-Hamm-Kanal
Die Lippe hat aber nicht nur mit Wasserversorgung, Abwasser und Schutz zu tun, sondern auch mit Verkehr. Das Lippegebiet ist seit der Steinzeit besiedelt, und der Fluss wird als Handelsweg für die Bronzeherstellung benötigten Metalle Kupfer und Zinn und für anderes mehr genutzt. Auch die Römer nutzen die Lippe in den Jahren rund um Christi Geburt. Im Mittelalter können ebenfalls Teile des Flusses befahren werden. Auch Pläne zur Kanalisation bestehen seit dem 15. Jahrhundert. Die Bestrebungen der Anrainerstaaten, den Wasserweg attraktiver zu machen, scheitern aber an Kleinstaaterei.
Weitere Versuche gibt es im 18. Jahrhundert, als man den Wasserweg für Salz, Holz, Kohle und Getreide nutzen will – allein, es scheitert an der Finanzierung und der Uneinigkeit. Als der Fluss im 19. Jahrhundert allein auf preußischem Gebiet liegt und man sich nicht mehr mit Nachbarstaaten abstimmen muss, entstehen neue Ansätze. In den 1880er-Jahren wird die Binnenschifffahrt für die Indus – trie richtig interessant – für den Güter- Massentransport und als Entlastung für die Eisenbahnen. Da die Flussschifffahrt an Wasserstände und Jahreszeiten gebunden ist, entsteht ein Kanalnetz, das einen saisonunabhängigen Verkehr erlaubt.Der Datteln-Hamm-Kanal wird am17. Juli 1914 zusammen mit dem Hafen eröffnet.

Verkehr: die Bahn
Nach der Eröffnung des Hammer Bahnhofs 1847 im Rahmen der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke von Köln nach Minden erlebt die Bahn ein beeindruckendes Wachstum. Innerhalb weniger Jahre erlangt Hamm durch die Bündelung von fünf Streckenästen zu einem Eisenbahnknotenpunkt eine besonders große Bedeutung für den Güterverkehr.
Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts reichen die Bahnanlagen nicht mehr aus, und ab 1911 wird ausgebaut. Nach deren Abschluss1927 ist Hamm der größte und modernsteVerschiebebahnhof Europas.Die Eisenbahn ist neben der Drahtindustrie und dem Bergbau einer derwichtigsten Arbeitgeber der Stadt.
Der Verkehrsknotenpunkt wird im Zweiten Weltkrieg mehrfach schwer beschädigt, aber schon kurz nach Kriegsende geht es weiter. Am 10. Mai 1957 wird die erste elektrifizierte Strecke nach Düsseldorf in Betrieb genommen, 13 Jahre später mit der Strecke nach Paderborn die letzte von Hamm ausgehende Strecke elektrifiziert.
Die Änderung der Verkehrsströme nach dem Zweiten Weltkrieg, das Ende der Montanverkehre und der überwiegende Einsatz von LKW beim Gütertransport führen zu einem Niedergang des Hammer Rangierbahnhofs, der 1999 in weiten Teilen stillgelegt wird.
Möglicherweise steht eine Art Wiederauferstehung an mit dem „Multi-Hub“ Westfalen, eine Verknüpfung von Schienen, Straßenund Wasserwegen auf dem Geländedes Rangierbahnhofs im HammerWesten. Projektträger sind dieDeutsche Bahn, die Stadt Hammund die Metrans Deutschland, eineTochter der Hamburger Hafen undLogistik AG. Das Projekt befindetsich in Planung und soll 2028 fertiggestelltwerden. Gegner fürchteneine starke zusätzliche Belastungdurch den steigenden Lkw-Verkehr.

Verkehr: Autobahnen
In den 1920er-Jahren gewinnt der Autoverkehr an Dynamik, und so werden erste Pläne für ein Autobahnnetz gemacht. Der Ende 1926 gegründete Verein zum Bau einer Straße für den Kraftwagen-Schnellverkehr von Hamburg über Frankfurt nach Basel (HaFraBa) entwirft eine solche Strecke, und schon 1927 erweitert er diese auf ein deutsches Fernstraßennetz. Mit dabei: Verbindungen vom Ruhrgebiet nach Hannover und weiter nach Berlin – die heutige A2. Die Pläne werden jedoch zunächst nicht umgesetzt.
Die Nationalsozialisten greifen das Projekt auf und reklamieren die Urheberschaft für sich. Zusammen mit 22 weiteren Strecken wird am 21. März 1934 der erste Spatenstich für die Reichsautobahn Ruhrgebiet- Berlin gesetzt. Ab April 1936 wird die Autobahn streckenweise frei – gegeben, der Abschnitt zwischen Recklinghausen und Gütersloh – also auch der Hammer Abschnitt – drei Tage nach der Reichspogromnacht am 12. November 1938. Für den Bau ist in Rhynern ein Lager für den Reichsarbeitsdienst eingerichtet worden. Der regelhafte Ausbau der heutigen A2 kann unter Einsatz von Kriegsgefangenen noch 1940 beendet werden.
Der Bau des Autobahnkreuzes bei Kamen beginnt bereits 1934, die Kleeblattform ist von Beginn an vorgesehen. Es wird mit dem Bau des zentralen Brückenbauwerks begonnen, und die Erdarbeiten für die Verbindungsrampen im Kreuzsind bereits sehr weit fortgeschritten– und trotzdem wird das Kreuz vor Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr fertiggestellt und liegt brach.
Der nahe an Hamm gelegene Abschnitt der heutigen Autobahn A1 wird hingegen nicht nur nach dem Weltkrieg, sondern sogar erst 1965 fertiggestellt. Erste Planungen gehen allerdings auf das Jahr 1937 zurück. Der Weltkrieg verhindert weitgehend den Weiterbau, erst 1950 wird die Strecke von Bremen zum Kamener Kreuz neu geplant.

Verkehr: Straßenbahnen
Heute wünschen sich viele, die Hammer Straßenbahn wäre nicht 1961 eingestellt, sondern nach dem Krieg für beide Seiten der Lippe wieder aufgebaut worden. Denn der Busverkehr in Hamm ist auf manchen Strecken langwierig und mit Umsteigen verbunden. Eine Straßenbahn könnte heute manche Probleme lösen und Menschen zum Umsteigen aus dem Auto auf die Bahn motivieren.
Von 1898 an wurden Strecken aufgebaut und eröffnet, als erstes in Ost-West-Richtung, um die Bahnhöfe und Bad Hamm zu verbinden. Später kommen weitere Verbindungen hinzu, so nach Süden zum damaligen städtischen Krankenhaus an der Werler Straße und nach Norden über Lippe und Kanal in die „Nordstadt“ und weiter zur Zeche Radbod. Nach der durch die Inflation hervorgerufenen Krise mit zeitweiliger Stilllegung der Straßenbahn geht der Ausbau weiter, unter anderem bis nach Bockum und Pelkum.
Im Zweiten Weltkrieg kommt es immer wieder zu Schäden an der Straßenbahn-Infrastruktur, besonders hart wirkt sich aber die Sprengung der Lippebrücke 1945 aus: Damit ist die andere Lippeseite von den anderen Linien abgeschnitten.Die Bahn überquert nie wiederKanal und Lippe. Überhaupt: DieStraßenbahn hat nach dem Kriegimmer mehr mit Streckenstilllegungenund Investitionsstau zu kämpfenund ist irgendwann nicht mehr– ohne umfangreiche Investitionen– rentabel. So beschließt der Rat derStadt am 16. Februar 1961 den Straßenbahnbetrieb ab dem 1. April 1961 ganz auf Omnibusbetrieb umzustellen.

Verkehr: Radwege
Die Geschichte des Radverkehrs ist eine in den vergangenen Jahrzehnten fast kontinuierlich positive Entwicklung. Anfang der 90er-Jahre ist Hamm Modellprojekt „Ökologische Stadt der Zukunft“ und Mitgründerin der „Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte in NRW“ (AGFS). Das Radwegenetz wird weiter ausgebaut, und parallel dazu steigt der Anteil der Radfahrten an den täglichen Wegen auch prozentual an, derzeit liegt er bei 19 Prozent.
Laut eigenen Angaben verfügt Hamm über das dichteste und am intensivsten durchgeplante Radverkehrsnetz des Ruhrgebiets. Das Netz ist über 180 km lang, elf Rad – routen verbinden jeden Ortsteil mit der City. Und rund um die City verläuft die Fahrrad-Promenade, dreieinhalb Kilometer durch die Ringanlagen.
Weitere Maßnahmen wie die Öffnung von Einbahnstraßen, Einrichtung von Fahrradstraßen und Markierungen an Kreuzungen sollen lückenlose Verbindungen in allen Stadtbezirken schaffen. Auf stark frequentierten Strecken werden neue Fahrbahnmarkierungen aufgebracht, um die Routen sichtbarer zu machen.
Es gibt aber auch Kritik. Der Blog „Radwege in Hamm“ bemängelt, dass der Ausbau der Radhauptrouten in dieser Legislatur zwar fortgesetzt werden solle, doch gemessen an der Gesamtlänge des Netzes nähmen sich die aktuellen Vorhaben eher bescheiden aus. Hinzu käme: Wichtige Maßnahmen fehlten im Entwurf, der Hammer Westen und der Norden blieben unberücksichtigt.
Die Kritik des Blogs schließt auch das Klima ein. Im ersten Teil des Haushaltsplans werde zwar auf den Masterplan Mobilität als Beitrag zur Klimaneutralität verwiesen, doch das erklärte Ziel, den Anteil des Radverkehrs im Modal Split auf 30 Prozent (von 19 Prozent) zu steigern, rücke so in weite Ferne – denn res – triktive Maßnahmen gegen den Autoverkehr würden ausgeschlossen. Eine echte Verkehrswende könne ohne Einschränkungen für den Kfz-Verkehr nicht gelingen, das sei wissenschaftlicher Standard.

Erinnerung an die Ökologische Stadt der Zukunft
Selbst die Google-KI weiß es, auch wenn das Internet damals noch in den Kinderschuhen steckte: „Hamm galt in den 1990er Jahren als Vorreiter im Umweltschutz. Zwischen 1992 und 2002 war Hamm eine von drei ausgewählten Modellkommunen im Landesprojekt Ökologische Stadt der Zukunft in Nordrhein-Westfalen.“
Darauf ist der FugE-Ehrenvorsitzende Dr. Karl A. Faulenbach heute noch stolz – denn er war von 1989 bis 2004 Dezernent der Stadt und für das Projekt zuständig. Bis heute prägen Elemente dieser Ära Stadt und Stadtbild. Die ersten Schulhöfe wurden begrünt, die Ökoprofit- Prüfung für Unternehmen nahm damals seinen Anfang, und auch der erste Hochzeitswald entstand im Rahmen des Projektes. 1995 fand der erste Eine-Weltund Umwelttag statt, drei Jahre vor Gründung des FUgE, das bis heute den Tag ausrichtet. Das alles geschah auf der Grundlage eines mehrheitlich rot-grünen Stadtrats.
Verbunden wird die ökologische Stadt der Zukunft auch mit dem 1991 gegründeten Ökozentrum auf dem Gelände der früheren Zeche Sachsen in Heessen. Das entwickelte sich zu einem bundesweiten Kompetenzzentrum für ökologisches Bauen und Sanieren. Ökologisch gebaut wurde auch – in Heessen zwischen Hoher Weg und Vogelstraße. Die Stadt verpflichtete Käufer städtischer Grundstücke zu nachhaltigen Standards.
Die Stadt wurde zu einem Pionier der Solartechnik. Die erste Solaranlage entstand auf dem Dach der Freien Waldorfschule in Pelkum, später wurde die Volkshochschule solar bedacht – als das Gebäude abgerissen wurde, wanderte die Anlage in den Maxipark. Auch Schulen wurden für die damals neue Technik genutzt, zum Beispiel am Spranger-Berufskolleg.
„Wir haben damals an vielen Stellen ökologische Veränderungen herbeigeführt“, sagt Faulenbach heute, „es gab eine Ausstellung namens Ökumenta, bei der künstlerische Projekte zum Thema Nachhaltigkeit gezeigt wurden, es gab eine Filmwoche im heutigen Enchilada, die Radstation am Bahnhof wurde gegründet.“ Und: Es wurden so viele Radwege gebaut, dass Hamm fahrradfreundlichste Stadt NRWs wurde. Nur Planung blieb ein S-Bahn-System für viele Ortsteile in Hamm auf und an den vielen Bahnlinien der Deutschen Bahn und des ehemaligen Bergbaus.
Das war nicht die einzige Auszeichnung. 1993 trat die Stadt dem Klimabündnis der europäischen Städte bei, und 1998 erhielt Hamm die Auszeichnung als Bundeshauptstadt für Natur- und Umweltschutz durch die deutsche Umwelthilfe.
„Wir hatten damals bei der Stadt die ersten drei Elektroautos“, sagt Faulenbach, der von 2005 bis 2021 Vorsitzender des FUgE war, „die fuhren aber nicht weit, 50 Kilometer, soweit ich mich erinnere.“