ChatGPT – Was kostet uns das?

ChatGPT – präzise und natürliche Antworten, aber was kostet uns das?
Regina Schare
In: FUgE-News Ausgabe 01/2026

Vor Kurzem war ich mit einem Freund bei Penny Markt – Einkaufen für den WG – Abend. Der Auftrag: Wir sollten Zutaten für Espresso Martini einkaufen; hatten jedoch beide wenig Kenntnis, wie sich nun die einzelnen Ingredienzien zusammensetzen.
Vor Allem sollte aber ein guter Kaffeelikör enthalten sein. Nun gab es hier eine Art „Sahne-Likör“ im Angebot, der jedoch nicht dem Original entsprach. Mein Freund zuckt kurzerhand sein Smartphone und gibt eine kurze Anfrage bei ChatGPT ein:

„Kann ich auch alternativ Sahne-Likör zum Mischen von Espresso-Martini verwenden? Prompt spuckt ChatGPT die passende und so unkomplizierte Antwort aus: „Ja, man kann Sahnelikör (wie zum Beispiel Baileys Original Irish Cream) hervorragend für einen Espresso Martini verwenden. Während das klassische Rezept auf Kaffeelikör wie Kahlua setzt, ist die Variante mit Sahnelikör eine der beliebtesten Abwandlungen für ein cremigeres, dessertähnliches Geschmackserlebnis.“
Wow! Was für eine tolle Antwort! WG-Abend gerettet:
Wir haben die richtigen Zutaten und womöglich ein noch viel herausragenderes geschmackliches Erlebnis als angenommen.
Fehlanzeige:
Einige Stunden später stellte sich heraus, dass der „Espresso – Martini“ nicht ansatzweise so gut schmeckte, wie das Original. Mal abgesehen davon, dass Chat Bots darauf ausgerichtet sind und über Monate trainiert wurden, den Konsumenten, nicht nur passende, sondern vor allem validierende Antworten zu liefern, stellt sich natürlich auch die Frage:
Wo kommt all das Wissen her und was kostet es uns eigentlich?
Vor Allem wenn es nicht bei der Frage nach einem Espresso Martini Rezept bleibt, sondern ganze Master- und Doktorarbeiten via ChatGPT geschrieben werden?
Ich beobachte dieses Phänomen schon seit einiger Zeit … bei Jobs, im Freundes- und Familienkreis – wir diskutieren über einen Sachverhalt, ein aktuelles politisches, gesellschaftliches, soziologisches Thema und ab einem gewissen Punkt, kommen wir mit unserem Wissen nicht mehr weiter oder brauchen mehr background, um unsere These nachhaltig zu unterfüttern.
Über die klassische google-Anfrage hinausgewachsen (nicht zu sprechen von der steinzeitlichen Brockhaus – Enzoklypädie), befragen wir natürlich ganz smart ChatGPT. Und erhalten eine Antwort, die uns gefällt, mit der wir uns wohlfühlen – denn darauf scheint diese Dienstleistung auch ausgelegt zu sein – Nutzer nicht in Panik zu versetzen, sondern äußerst wertschätzende Antworten zu generieren, die sich gut anfühlen.
ChatGPT verarbeitet nach neuesten Daten aus dem Jahr 2025 mittlerweile etwa 2,5 Milliarden Anfragen (Prompts) pro Tag weltweit.

Und damit ist nur eine von mittlerweile unzähligen KI apps, welche sich immer größerer Beliebtheit erfreuen, ansatzweise erfasst. ChatGPT – als bekannteste und wohl beliebteste – folgen weitere wie Dall-E, Grok,  Midjourney, Canva, Synthesia, Notion AI, Runway – viele davon Bild – Generierungsapps; manche, wie beispielsweise „Grok“ (Gründer: Elon Musk) bedenklicher Weise im rechten politischen Spektrum anzusiedeln.
Valide Studien zum globalen Ressourcenverbrauch von ChatGPT gibt es derweil noch nicht. Man geht jedoch davon aus, dass eine einzige Anfrage via ChatGPT mit 2,9 Wattstunden an Strom einen 10-fach höheren Stromverbrauch im Vergleich zu einer google Anfrage mit 0,3 Wattstunden generiert und somit Treibhausgasemission erhöht und Umweltprobleme verschärft.
Bei etwa 67.000 Anfragen an ChatGPT ergeben sich 195 kWh – ungefähr der Jahresverbrauch eines modernen Kühlschranks. Bei 2,5 Milliarden Anfragen pro Tag könnten somit ~ 37.320 Kühlschränke ein Jahr lang betrieben werden.
Neben einem deutlich erhöhten Stromverbrauch bei der Nutzung von ChatBots, wird eine weitere wesentliche Ressource benötigt: Wasser!
Der Wasserverbrauch von KI-Anwendungen hängt vor Allem mit der komplexen Infrastruktur zusammen – indirekt durch die Kühlung von Rechenzentren. Damit die darin befindlichen Server nicht überhitzen, werden komplexe Kühlsysteme mit Frischwasser unterhalten, welche nicht mehr als Trinkwasser dienen können.
Das Wasser wiederum wird durch die Server erhitzt, so dass es zum Teil verdunstet. Dieser Ressourcenverbrauch potenziert sich, wenn wir uns den hohen Stromverbrauch anschauen und uns vor Augen halten, dass Stromerzeugung ebenfalls Wasser verbraucht. Auch hier gibt es noch keine abschließenden Zahlen. Schätzungen gehen davon aus, dass 20 bis 50 Anfragen an einen Chatbot ca. 500ml Wasser verbrauchen. Das Training von Modellen wie ChatGPT-4 hat schätzungsweise über 900 Millionen Liter Wasser verbraucht.

Ein weiteres Dilemma in puncto KI-Anwendungen tut sich an dieser Stelle auf:
Die verfügbaren Modelle müssen vorher trainiert werden, quasi mit Informationen gespeist werden – nur so funktionieren sie zuverlässig und werden zu kompetenten Beratern für uns. Aber wie und durch wen geschieht das?
Sie heißen Data Worker, Click Worker oder Micro Worker – sie füttern die Künstliche Intelligenz mit Daten, denn die Intelligenz muss ja irgendwoher kommen. Sie kommen aus Ländern wie Kenia, Argentinien, Indien, Bangladesch (Ländern des globalen Südens), sie erhalten durchschnittliche Stundenlöhne von ca. 2 US-Dollar, oft werden sie nicht nach tatsächlich geleisteter Arbeitszeit, sondern nach erledigten Aufgaben oder Produkten bezahlt, sie werden von internationalen Unternehmen über Online -Plattformen angeheuert und sie genießen keinerlei Arbeitnehmer- oder Arbeitsschutzrechte. In der Regel unterliegen sie strengen Geheimhaltungsreglements und können sich bei Missachtung ihrer Arbeitnehmerrechte an niemanden wenden. Psychologische oder rechtliche Beratung ausgeschlossen.
Die Lebensbedingungen in den jeweiligen Herkunftsländern dieser ArbeiterInnen lassen häufig keine Alternativen zu – sie sind auf die Arbeit angewiesen, auch wenn sie grade mal so zum Überleben reicht. Wir haben ein Bewusstsein für Formen der sozialen Ungleichheit in Ländern des globalen Südens – aus der Textilindustrie, aus dem Bergbau, wo elementare Rohstoffe für unsere Smartphones geschürft werden.
Dass wir jedoch mit einer einfachen Anfrage an eine künstliche Intelligenz sowohl unsere globalen Wasser- und Energieressourcen noch weiter dezimieren, als auch erneut dazu beitragen, dass Menschen des globalen Südens unter prekären Arbeitsbedingungen zu leiden haben, um unseren Alltag und unsere Arbeitswelt noch effizienter, kreativer und bequemer zu gestalten, sollte uns nachdenklich zurücklassen.