02.07.2020: Neue Allianzen für die Interkulturarbeit

Neue Allianzen für die Interkulturarbeit
von Katharina Kühn
‚Interkultur‘ ist in aller Munde; alles ist irgendwie ‚interkulturell‘. Das ‚interkulturelle Stadtfest‘ lädt Familien zu Essen, Tanz und Musik ein. Die ‚interkulturelle Stadtführung‘ führt uns auf neuen, ja ganz unbekannten Wegen durch uns bekannte Wohnviertel. Aber nicht nur das! In den Buchläden und Auslagen springen uns auch Buchtitel in die Augen, die ‚interkulturelle Kommunikation‘ als Erfolgsrezept anpreisen. Coaches und Trainer sprechen davon, dass ‚interkulturelles Training‘ uns beruflich weiterbringe, ja gar der Schlüssel zum Erfolg eines Unternehmens sei.

Wieso ist ‚interkulturell‘ so hip und angesagt? Im Folgenden möchte ich das Feld der interkulturellen Arbeit neu vermessen und zunächst etwas Klarheit in die Begrifflichkeiten sowie deren Implikationen für unsere Kulturarbeit bringen. Was meint ‚interkulturell‘ tatsächlich und warum könnte dieses Konzept problematisch sein?
Die Ausgangslage für den Hype um die Interkulturalität ist das folgende Verständnis unserer Welt: Bedingt durch die weltweite Vernetzung im Sinne der Globalisierung, Migration und Flucht, leben wir in einer ‚veränderten‘ Gegenwartmit ‚neuen‘ Herausforderungen. Diese werden daran sichtbar, dass es durch die Begegnung mit Menschen aus sogenannten anderen Kulturkreisen vermehrt zu Miss -verständnissen oder Konflikten im Alltag oder bei der gemeinsamen Arbeit kommt. Unsere kulturelle Herkunft scheint uns so geprägt zu haben, dass wir einander manchmal nicht verstehen oder Dinge ganz anders sehen – und darüber sprechen müssen und wollen. Nehmen wir zum Beispiel das klassische Thema Pünktlichkeit bei Verabredungen. Gerne wird in diesem Moment die interkulturelle Arbeit als Weg aus der Misere gepriesen: Sie setzt da an, wo andere scheitern, beim Miss -verstehen, und baut Brücken zwischen den Menschen.
Doch je mehr man in der Kulturarbeit in einer diversen Gesellschaft tätig ist, desto deutlicher wird, dass der Begriff ‚interkulturell‘ und seine Implikationen problematisch sein können. Denn je länger man sich tatsächlich in diesem Feld und mit dieser Perspektive bewegt, desto mehr verschwimmen die Konturen der Kategorien von ‚fremd‘, ‚eigen‘ und‚ anders‘. Und so erkennt man, dass interkulturelle Kompetenz und interkulturelle Kommunikation nicht nach einem Handbuch zu erlernen sind. Interkulturelle Kulturarbeit ist mehr als ein Erfolgsversprechen und zugleich eine große Herausforderung. Warum? Um etwas mehr Klarheit zu schaffen, möchte ich zunächst den Begriffen ‚Multikulti‘, ‚Interkulturalität‘ und ‚Transkulturalität‘ auf den Grund gehen. ‚Multikulti‘ ist ein Kind der 1980er Jahre.
Hierbei wird davon ausgegangen, dass verschiedene Kulturen nebeneinanderbestehen. Man stelle sich die kulturellen Bezugsräume als kleine Bläschen vor, die umeinander herumschweben und einander nur gelegentlich stupsen oderstreifen. Man ist sich folglich der Anderen bewusst, die einen umschwirren, aber überschreitet seine Grenzen im Austausch nicht, sondern bleibt auf sich selbst bezogen.

‚Interkulturalität‘ hingegen geht sehr stark von der Vorstellung aus, dass voneinander unterscheidbare Kulturen existieren, die einander begegnen und beeinflussen können, aber trotzdem voneinander abgrenzbar bleiben. So versteht man unter Interkulturalität das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotzkultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt. Im Kontext der interkulturellen Begegnung steht trotzdem zunächst das trennende Moment im Vordergrund, das überbrückt werden soll.
Hier setzen die interkulturelle Kompetenz und Sensibilisierung an, denn sie ermöglichen den Austauschund das Verstehen überkulturelle Grenzen hinweg. ‚Interkulturelle Kompetenz‘ beschreibt die Fähigkeit, sich in interkulturellen Begegnungen selbstreflexiv und offen zu verhalten und durch das Wissen über den Anderen, als Brückenbauer und Kommunikator zwischen den Kulturen zu agieren, umso Missverstehen zu vermeiden. Die interkulturelle Kompetenz ist eingebettet in das Konzept der Interkulturalität und mit diesem zu denken. Doch genau da liegt eine Herausforderung des Konzepts, denn Interkulturalität führt zur Essentialisierung kultureller Zugehörigkeit und schreibt kulturelle Differenz trotzdem fort. Kulturen sind nicht homogene, klar voneinander abgrenzbare Einheiten, sondern, besonders infolge der Globalisierung, zunehmend vernetzt und vermischt.

Der indische Anglist und postkoloniale Kulturtheoretiker HomiK. Bhabha hat sich in seinen Arbeiten mit der Kolonialvergangenheit Indiens auseinandergesetzt und zentrale Begriffe der postkolonialen Forschung geprägt. So beschreibt er in diesem Kontext das kulturelle Aufeinandertreffen von Kolonialmacht und Kolonisierten. Dabei entstehe ein sogenannter Third Space, ein dritter Raum, der unser Verständnis von einer historisch gewachsenen kulturellen Identität, die als vereinende und homogenisierende Kraft fungiert, in Frage stellt. Das Fremde und das Eigene gehen vielmehr eine produktive Beziehung des gegenseitigen Austausches ein. Nach und nach wird die Alterität so zur Vertrautheit, die sich wechselseitig und teilweise in die eigene Kulturerfahrung integrieren lässt. In diesem ‚dritten‘ Raum des Austausches bilden sich hybride Kulturformenaus, es kommt zur gegenseitigen Beeinflussung, die Grenzen überschreitet.
Der Philosoph Wolfgang Welsch denkt Bhabhas Ansatzweiter und führt 1997 das Konzept der Transkulturalität ein. Er geht wie Bhabha davon aus, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sich kulturelle Identitäten durch die Vermischung von Elementen verschiedener Kulturen konstituieren. Kultur ist hier sehr weit gedacht, sie ist nicht nur herkunftsabhängig. Kulturelle Grenzen und die Vorstellung homogener Nationalkulturen werden aufgehoben und überwunden, indem einzelne Kulturen innerhalb einer Gemeinschaft verschmelzen. So lassen sich moderne Gesellschaften laut Welsch als strukturell heterogen und hybrid auffassen. Laut Welsch sind Kulturen dynamische Gebilde; sie sind offen, verflochten und divers, wobei das Verbindende im Vordergrundsteht. Welschs grundlegende Annahme ist, dass „kulturelle Differenzen nicht nur zwischen Gesellschaften, sondern gleichermaßen und zunehmend innerhalb Gesellschaften bestehen.“ Damit äußert sich Transkulturalität als gesellschaftliches Phänomen vor allem in den Wahrnehmungen, Denkmustern und im Handeln von Individuen.

Die individuelle Identität speist sich aus verschiedenen kulturellen Zugehörigkeiten. Sie ist bedingt und geformt durch die vielfache Überschreitung von nationalen Grenzen (beispielsweise aufgrund von Migration und Flucht, aber auch durch Auslandsaufenthalte und Reisen), durch binnen kulturelle Differenzierungen (man denke an soziale Milieus oder regionale Bezugsräume); all dies zusammengedacht führt zu einer Pluralisierung der individuellen Zugehörigkeiten. Welsch schreibt: „Die transkulturellen Netze haben stets einige Elemente gemeinsam, während sie sich in anderen unterscheiden, sodass zwischen ihnen nicht nur Unterschiede, sondern zugleich Gemeinsamkeiten bestehen.“

Wichtig dabei ist, dass wir die Interkulturalität bei der Transkulturalität nicht aufgeben. Interkulturalität wird hier neu und im Kontext der Transkulturalität gedacht: Trotz und eben wegen der Diversität bleibt das Konzept des interkulturellen Austauschs bedeutsam und denkt die interkulturelle Kompetenzmit, denn es setzt genau an dem Punkt an, an dem Unterschiede und Konfliktlinien bestehen, mit denen es umzugehen gilt. Interessant wird es nun für unsere Interkultur-Arbeit dann, wenn wir es schaffen, gesellschaftliche Diversität von Anfang an mitzudenken, denn: Wir gehen bei Interkulturalität häufig von einem Herkunftsparadigma aus, es wird von Kulturkreis, von ‚meiner‘ Kultur oder dem Heimatland gesprochen, doch die Lebenswelt der Menschen ist trotz ihrer unterschiedlichen‚ Herkunft‘ komplexer und vielfältig miteinander verflochten. Wie der Träger des Deutschen Buchpreises Saša Stanišić in seinem prämierten Roman zum Themafeststellt: „HERKUNFT [ist] ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geborenwerden. […] HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist …“

Stanišić thematisiert die Zufälligkeit und Schicksalshaftigkeit von Herkunft, eines Ortes, an dem man geboren wird und den man von da an mit sich trägt. Er betrachtet aber auch die Vielschichtigkeit des Begriffs sowie seine Dynamik. Stanišić fordert uns dazu auf, die vielfältigen Fäden der eigenen Biografie aufzugreifen und zu erkennen, dass sie mit anderen Menschen und Orten verwoben sind. Ich bin mehr als nur eins. Ich bin viele und lebe durch die Geschichten, die ich über mich (und andere über) mich erzählen – und der Ort, an dem ich geboren wurde, ist nur ein Faden von vielen davon.

Wir alle sind mehr als eins, insbesondere auch durch Migration und weltweite Vernetzung. Darum plädiere ich dafür, das Überschreitende und Verbindende in unserer transkulturellen Interkulturarbeit in den Vordergrund rücken, indem wir stark thematisch arbeiten und möglichst viele Menschen, Kontexte und ‚Fäden‘ mitdenken.
Ziel sollte es sein, sich gemeinsam den gesellschaftlichen Hindernissen und Widerständen zuzuwenden und sich durch die eigene(erworbene) interkulturelle Kompetenz, die die Kategorie der Herkunft überschreitet und uns füreinander sensibilisiert, für eine solidarische Gesellschaft der Vielen einzusetzen. Wie die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Maya Angelou so treffend formulierte:
„We all should know that diversity makes for a rich tapestry, and we must understand that all the threads of the tapestry are equal in value no matter what their color“.

Somit rufe ich allen zu: Bildet neue Allianzen für die Interkultur inder Transkultur! Warum Allianzen? Wenn wir Netzwerke bilden, die möglichst viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Perspektiveneinbinden, und dabei das vielschichtige interkulturelle Beziehungsgeflecht zwischen ihnen in den Blick nehmen, gelingt es uns, gemeinsam an grundlegenden   zu arbeiten. Nur so kann eine solidarische und diverse Gesellschaft möglichwerden.

Katharina Kühn studierte Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien an der Universität Passau und verbrachte längere Zeit im europäischen und außereuropäischen Ausland. Sie promoviert im Bereich der transkulturellen Geschlechterforschung am International Graduate Centre for the Study of Culture an der Universität Gießen und arbeitet nun als Kulturreferentin für das Multikulturelle Forum e.V. im Bereich der inter- und transkulturellen Kulturarbeit. Katharina Kühn wuchs in einer multi-inter-transkulturellen Großfamilie auf und weiß, was es bedeutet, wenn sich unterschiedliche Sprachen und kulturelle Bezugsräume unter einem Dach versammeln – es ist immer wieder aufs Neue herausfordernd, aber auch unglaublich bereichernd!

Ein Beitrag im Rahmen der Promotor*innen-Programm für interkulturelle Öffnung im Regierungsbezirk Arnsberg und im Auftrag der Landesregierung NRW.