01.12.2020: „Ich bin Catador“ – Brasilien und die Kultur des Recyclings

Alexandro Cardoso und Benjamin Bunk
FUgE-News Ausgabe 03/2020

Ich heiße Alexandro Cardoso, besser bekannt als Alex. Geboren auf einer Recyclingkarre, wurde ich bereits als Kind zum „Catador“, oder – wie Ihr sagt – zu einem Wertstoffsammler.
Von klein auf habe ich diese Arbeit zusammen mit und von meinen Eltern gelernt, bin also die dritte Generation von Wertstoffsammler*innen in unserer Familie. Da ich in dieser Welt der Catadores, am Ufer des Guaíba-Flusses in der alten Cai-Cai-Siedlung, aufgewachsen bin, war mir dieser Weg vorgegeben. Im Alter von 14 Jahren verließ ich die Schule, mit 16 wurde ich Vater und erst 20 Jahre später bin ich zurück auf die Schulbank gekehrt. Inzwischen studiere ich Sozialwissenschaften an einer Universität in Porto Alegre. Auch heute noch arbeite ich auf den Straßen Porto Alegres, eine Stadt im Süden Brasiliens.
Ich arbeite in der Genossenschaft der Wertstoffsammler*innen von Cavalhada (ASCAT) und bin Mitglied der bundesweiten Bewegung der Sammler von Recyclingmaterialien (Movimento Nacional dos Catadores de Materais Recicláveis, MNCR). Und es ist mir eine ungeheure Freude und Ehre, von dieser Seite des Ozeans für euch zu schreiben. Ich lade Euch durch diesen Text auf eine Reise in meine Welt ein, in der Hoffnung, so unsere Begegnung als Menschen zu stärken und unsere Ignoranz durch Wissen umeinander zu überwinden.

Als Kind, als Arbeiter und Bewohner der ehemaligen Cai-Cai- Siedlung, erkannte ich früh, dass sich hier bei uns die Wirtschaft um recycelbare Materialien drehte. Sie wurden eingetauscht gegen Geld – und das fand ich gut. Das Leben fast aller Bewohner, ja unserer lokalen Gemeinschaft, war durch das Sammeln, Sortieren und Verkaufen von Wertstoffen bestimmt. Und diese Wertschöpfung wurde meist vor Ort in unsere Baracken zur Mülltrennung und Karren zum Wertstoffsammeln investiert oder in der Stadt ausgegeben. Durch unmittelbare Erfahrung begann ich, die Welt aus der Sicht der Mülltonnen der Gesellschaft wahrzunehmen – und von dieser über deren Mülltonnen wahrgenommen zu werden. So wurde ich „Catador“. Das war die Identität meines Lebens, die sich am eindrücklichsten in mich eingeschrieben hat – und sie wurde mir aufgezwungen. Aber: Wenn ich mich heute nochmal entscheiden könnte – jetzt, wo ich die Menschen und die Gesellschaft kenne, mit ihren Normen, Regeln und Institutionen, sowie ihrer Grundlegung im Wettbewerb, der Ausbeutung von Arbeitskraft und der Zerstörung der Natur, was dann zur Akkumulation von Reichtum einerseits führt und andererseits Elend hervorbringt – ich würde mich ohne Zweifel wieder dafür entscheiden „Catador“ zu sein.

Nach einem langjährigen und harten Kampf haben wir die Anerkennung sowohl als Beruf, als auch als wichtigster Akteur des Recyclingsystems, errungen. Was aber noch fehlt, ist die adäquate Wertschätzung: nämlich die Bezahlung für unsere Dienstleistung. Diese Anerkennung rührt zum einen aus unserer Öffentlichkeitsarbeit, unserer Mobilisierung und unseres Protests, zum anderen aus dem Aufbau von Kooperativen, Genossenschaften und der bundesweiten Bewegung der Sammler von Recyclingmaterialien (MNCR). Letztere plant zahlreiche politische Maßnahmen, oder setzt diese um und bündelt verstreute Initiativen. Dazu gehört etwa das Bundesgesetzt zur sanitären Grundversorgung (Política Nacional de Saneamento Básico, PNSB) und das Gesetzt zur Abfallentsorgung (Política Nacional de Resíduos Sólidos, PNRS). Es sind diese Gesetze, die mich als Fachmann für Wertstoffe und Experte für Abfallwirtschaft ausweisen. Und sie haben mir so, in dieser Funktion und als Vertreter der MNCR, ermöglicht, die Welt zu bereisen. Sei es, um mich über das Wissen über Abfallwirtschaft, soziale Inklusion und Solidarische Ökonomie weltweit auszutauschen. Sei es, um Personen wie Papst Franziskus, Danielle Mitterrand, Evo Morales, José Mujica, Lula da Silva oder Dilma Rousseff zu begegnen. In Deutschland war ich noch nicht, aber wer weiß?

Die Wertstoffsammlerin und der Wertstoffsammler, ein wichtiger Beruf in der Welt
Und auch wenn inzwischen – endlich, nach Jahren der Ignoranz – Umweltschutz, der schonende Umgang mit Ressourcen und Recycling in der Wissenschaft zu Renommee führt und auf schicken internationalen Konferenzen breit diskutiert wird oder sich große multinationale Firmen damit schmücken, wird faktisch, in Brasilien, Recycling weder durch die reichen Villen noch durch solche Großevents oder durch internationale Konzerne vorangetrieben. Deren Technologien, milliardenschwere Investitionen oder „Leitbilder“ tragen nicht zu Mülltrennung bei. Für uns Wertstoffsammler* innen bedeutet Recycling, ein kollektives Handeln zwischen uns, und jenem verantwortungsbewussten Teil der Gesellschaft, der seine Abfälle trennt und diese so in unsere Obhut übergibt. Und wir als Beschützer und besorgter „Arzt“ des Planeten, übernehmen diese Verantwortung, diese wichtige sozial- ökologische Arbeit sorgfältig durchzuführen, trotz Stigmatisierung und Ausbeutung.

Wir sind fast eine Million Wertstoffsammler* innen in Brasilien: der Großteil von uns lebt in der Stadt, zwei Drittel von uns sind schwarz, drei Viertel von uns sind Frauen und 13 % von uns sind Analphabeten. Wir (über-)leben mit nur 100 Euro im Monat. Wir spiegeln das finanzpolitische System dieser Gesellschaft wider, sowie dessen patriarchalische, diskriminierende und ausgrenzende Strukturen. Wir sind Obdachlose, ohne Rechte, Analphabeten ohne Schulabschluss, ohne Gesundheitsversorgung und ohne Anschluss an öffentlichen Transport, also diejenigen, die nicht um reguläre Jobs konkurrieren – wir arbeiten im informellen Schatten. Wir sind nicht Teil der Gesellschaft, sondern wir sind ausgeschlossen und marginalisiert, wogegen sich im Kern jeder soziale Kampf wendet. Trotzdem reagieren wir nicht mit Gewalt. Wir handeln, indem wir uns kollektiv organisieren und so unsere Gemeinschaft und Solidarität stärken. Indem wir uns gegenseitig unterstützen, im Kampf für unsere Bürgerrechte, für unser Recht auf Arbeit, für ein „soziales Recycling“ und gegen die Müllverbrennung, für Inklusion und gegen Ausgrenzung, für eine zunehmende Demokratisierung Brasiliens und einer Umverteilung des Reichtums. Wir antworten, indem wir für die Transformation des kapitalistischen Systems eintreten und versuchen, ein soziales Brasilien durch Gleichberechtigung und Partizipation aufzubauen. Trotz all unserer existentiellen Schwierigkeiten sind wir diejenigen, die in Wirklichkeit das Recycling durchführen. Wir sind es, die Mülltonnen durchsuchen, Pappe in den Gassen suchen, und den Abfall in den Flüssen und an den Küsten aufsammeln – wir sind eben überall dort tätig, wo die „moderne Gesellschaft“ ihren Abfall hinterlässt.

Die wirtschaftliche und soziale Funktion von Genossenschaften
Anders als die wirtschaftlichen, sozialen und institutionellen Grundlagen des Kapitalismus, die darauf abzielen Posten statt Arbeit und Gehälter statt Einkommen zu schaffen, basiert unsere genossenschaftliche Arbeit auf solidarischen Grundlagen durch:
=> Die Aufteilung von Arbeit, Wissen, Produktion, Wohlstand und Produktionsmitteln bestimmt durch Arbeiter*innen, damit sie ihre Rechte selbst umsetzen.
=> Die Förderung der Infrastruktur der Genossenschaften, den Kauf von Lastwagen, Maschinen und Ausrüstungen und Werkhallen zur Steigerung der Produktion und für die Erleichterung der körperlichen Arbeit.
=> Die Akquise von Aufträgen und Verträgen für die soziale Sammlung der Wertstoffe

Daher haben wir in 2017 den Nationaldachverband der Wertstoffsammler* innen Brasiliens gegründet (Unicatadores), welche 700 Genossenschaften und Vereine umfasst. Zusammen mit drei weiteren Verbänden, der „Unisol“, „Concrab“ und „Unicafes“, sind so alle Genossenschaften und Initiativen solidarischer Ökonomie im urbanen wie ländlichen Raum in der bundesweiten Vereinigung der Solidargenossenschaften Brasiliens (UNICOPAS), vereint. Dadurch haben wir einen Meilenstein im Kampf für die Stärkung einer solidarischen, und an demokratischen Prinzipien orientierten, kollektiven Arbeitsweise erreicht, welche die Orientierungen und Leitlinien dieses Wirtschaftszweigs festlegt. Durch diese schlagkräftige Institutionalisierung suchen wir dem kapitalistischen System und dessen Prinzipien wie Profitmaximierung und Akkumulation von Reichtum, eine Alternative entgegenzusetzen.

Zu den Autoren:
Alexandro Cardoso: Wertstoffsammler, Mitglied in der brasilianischen Nationalen Bewegung der Wertstoffsammler (MNCR) und Studierender der Sozialwissenschaften an der Bundesuniversität von Rio Grande do Sul (Universidade Federal de Rio Grande do Sul).
Dr. Benjamin Bunk: wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Pädagogik des Jugendalters an der Justus-Liebig-Universität Gießen, forscht u. a. zu Bildungsprozessen in sozialen Bewegungen. Zuletzt war er für einen längeren Aufenthalt bei den Bewegungen der Landlosen und der Müllsammler in Brasilien unterwegs. Nun versucht er, deren Stimmen auch jenseits der Wissenschaft Gehör zu verschaffen. Er hat beim Zustandekommen, Aufbau und Übersetzung des Artikels unterstützt.

Dr. Benjamin Bunk: wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Pädagogik des Jugendalters an der Justus-Liebig-Universität Gießen, forscht u. a. zu Bildungsprozessen in sozialen Bewegungen. Zuletzt war er für einen längeren Aufenthalt bei den Bewegungen der Landlosen und der Müllsammler in Brasilien unterwegs. Nun versucht er, deren Stimmen auch jenseits der Wissenschaft Gehör zu verschaffen. Er hat beim Zustandekommen, Aufbau und Übersetzung des Artikels unterstützt.